Von Nina Grunenberg

Seit neun Jahren gründet der Stadtstaat Bremen eine Universität. Wer die Geschicke der Gründung zurückverfolgt, könnte auf die Idee kommen, einem Phantom auf der Spur zu sein. Vorzuweisen haben die Bremer nach neun Jahren nicht sehr viel mehr als eine Kette von Hochschul-Konflikten um eine imaginäre Alma mater.

Die Universität, die es nicht gibt, hat Studentenkrawalle provoziert in einer Stadt, die bis dahin keine Studenten gesehen hatte. Sie hat Professoren veranlaßt, ihr Barett zu nehmen und den Rücktritt einzureichen. Sie hat die Bremer Universitätsbauer zu Rittern von der traurigen Gestalt gemacht. Der letzte Krach wurde in der vergangenen Woche überstanden. Als jüngster Märtyrer geht der Universitätskurator und Leiter der Hochschulabteilung beim Bremer Bildungssenator, Hans Werner Rothe, in die Phantom-Chronik ein. Bildungssenator Moritz Thape entließ ihn „wegen Rothes Vertrauensschwund im Bereich des Gründungssenats“. Damit wählte Thape das kleinere Übel. Als Alternative hatte der Gründungssenat unter Vorsitz des Göttinger Germanisten Walther Killy seinen eigenen Rücktritt angeboten.

Bremen hat schon einmal einen Gründungssenat verloren. Im Jahre 1967 hatte das erste Professorengremium unter Leitung des Kieler Anatomen Wolfgang Bargmann seine Arbeit nach fünfjähriger Tätigkeit eingestellt, ebenfalls wegen „Vertrauensschwundes“. Auch damals war Rothe Universitätskurator und fungierte als Verbindungsmann zwischen Professoren und Regierung. Auch damals gab es Differenzen mit ihm, die sich zu Konflikten zwischen dem Gründungssenat und der Regierung ausweiteten. Damit waren die Hoffnungen der Bremer auf ihre Universität wieder auf Null zurückgefallen. Was das renommierte ältere Professorenkollegium geboren hatte, entpuppte sich als eine kleine Maus. Den großen Entwurf aber trug Dr. phil. Hans Werner Rothe in der Tasche. Was er so verbissen verteidigte, war seine persönliche Vorstellung von einer Universität.

Unbestritten bleibt sein Verdienst, die Bremer für den Bau einer Hochschule erwärmt zu haben, Seine Tragik aber war, daß er für ein abendländisches Traditionsmodell kämpfte, das heute ernsthaft niemand mehr vertreten kann. Zeugnis darüber legt seine Gründungsdenkschrift ab, die zur Hälfte mit Zitaten aus dem Hort des deutschen Idealismus gespickt und mit Campus-Ideologie übergössen ist. Sein Traum war eine Campus-Universität „als besonderer Raum geistiger Besinnung“ vor den Toren der Stadt, durch Hecken und Zäune von der Betriebsamkeit der Welt abgeschirmt. Als Vorbild schwebte ihm „das Urbild aller Universitäten“, vor, die im Jahre 387 vor Christus gegründete Akademie Platons in Athen, „etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt im Hain des Akademos neben einem Gymnasium (Sportschule)“.

Daß er sich am Ende immerhin noch neun Monate lang gegen die zeitgemäßeren Vorstellungen des neuen Gründungsausschusses behauptete, spricht für seine physische Leistungskraft. Aber umdenken konnte und mochte er nicht mehr. Schon die Zusammensetzung des neuen Gründungsgremiums entsprach nicht mehr seinen Vorstellungen. Es wurde paritätisch besetzt und besteht aus vier Ordinarien, zwei Privatdozenten, drei Assistenten und drei Studenten, darunter die beiden früheren Hamburger AStA-Vorsitzenden Albers und Behlmer, die durch den Slogan „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ bekannt geworden sind. Schon nach der ersten Sitzung hatte Professor Killy den Eindruck, als könne Rothe nicht begreifen, daß er, „ein ausgewachsener Ordinarius, der dazu noch drei Jahre lang Rektor war, sich an einen solchen Tisch setzen kann“.

Zu Beginn seiner Arbeit im September des vergangenen Jahres hatte sich Killy, gewarnt von den leidvollen Erfahrungen seines Vorgängers, eine Frist von neun Monaten gesetzt. Danach wollte er entscheiden, ob die Zusammenarbeit zwischen Gründungssenat und Bremer Regierung „im Interesse eines für die Bundesrepublik beispielhaften Modells“ sinnvoll sei.