„Indiana Campus – Ein amerikanisches Tagebuch“ von Hans E. Holthusen. Man müßte schon zu einer allgemeinen und umfassenden Ideologie- und Stilkritik von Reiseimpressionen ausholen, wollte man dieses Musterexemplar jener so beliebten wie verrotteten Gattung richtig treffen und klassifizieren; und überhaupt wäre es eine Aufgabe, über die Denkfaulheit und Sprachschluderei eines leichtfertig mit Politik und Kultur spielenden Feuilletonismus aufzuklären, der sich vor nichts mehr drückt als vor einem konsequenten kritischen Diskurs und alles mit der Kosmetik handelsüblicher Patentweisheiten und Redensarten einschmiert. Sonst könnte man leicht meinen, dieser Fall hier sei nur eine krasse Ausnahme, auch wenn es einen Satz wie „Alles ist so jung, mein Gott, so jung und so schwierig“ sonst wohl kaum noch gibt. Bezeichnender schon, Ché Guevara als „glutäugigen Argentinier“ zu benennen und protestierende Studenten als „Schinderhannesse, die Karl Moors und Ché Guevaras“, von der „jungdeutschen Revolte“ als einem „Tornado von Diskussion und Fanatismus“ zu sprechen und sie gegen die amerikanische mit einem Satz auszuspielen, der lautet: „Hier will man nicht, wie in Berlin, eine ganze nationale Tradition von links her in Frage stellen, hier soll offenbar das ursprüngliche Selbstverständnis der ,Pilgerväter‘ einer in jedem Sinne Neuen Welt in zeitgenössischer Sprache aktualisiert werden.“ Gegen die „Logik der Aufklärung“ steht: „Das Noch und Noch und Immerzu: die Unverrückbarkeit des Weltgesichts.“ (R. Piper & Co. Verlag, München; 78 S., kart., 6,– DM)

Siegfried Schober

„Wir“, Roman von Jewgenij Samjatin. 1920 entwarf der enttäuschte russische Revolutionär und einstige Marine-Ingenieur die Fiktion des endzeitlichen Rationalstaates gemäß den Verheißungen und als Konsequenz aller nicht zu Ende gedachten Zukunftsideologien. Der Roman, konzipiert als Niederschrift eines der Bürger Utopias, beweist allein schon durch sein Vorhandensein, daß es das irdische Paradies nicht geben kann. Ließe es sich verwirklichen, es wäre die Hölle: ein Ideal an sich und für niemanden, denn das totale Glück bedeutet Liquidation alles Irrationalen, der Phantasie und der Seele, Stagnation und Ausschluß jeglicher Alternative. 1958 erstmals deutsch vorgelegt, erschien „Wir“ zehn Jahre danach erneut – ein Buch, das allen Dogmatikern und Menschheitsbeglückern gleich welcher Couleur sowie ihren Anhängern zur Pflichtlektüre gemacht werden sollte. (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 224 S., 15,– DM)

Wolf gang Werth

„Leute von Hamburg“ von Siegfried Lenz. Was zu einem Hamburg-Prachtband beigesteuert worden war, ist nun auch einzeln greifbar, im Geschenkpäckchen: der Flirt des Autors Siegfried Lenz mit seinen Nachbarn. Er nennt keine Namen, er setzt Typen in Bewegung. Hafenmädchen und Senator, Kaufmannstochter oder Stadtstreicher, sie alle werden mit gedämpfter Ironie und vorsichtiger Herzlichkeit bedacht. Wer von den jüngeren seriösen Schriftstellern wäre noch so wie Lenz bereit, noch so bemüht, die älteren Bildungsbürger zu erfreuen? Lenz schreibt für diese Älteren und für die weniger feschen ihrer Kinder: besonnen und zuvorkommend, vielleicht herablassend, doch patzig keinesfalls. (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 72 S., 5,80 DM)

Christa Rotzoll

„Wie der Regen im Wald“ von Sylvia Wilkonson. Was für Psychoanalytiker und passionierte Naturfreunde eine Fundgrube sein mag, ist für den in dieser Hinsicht unqualifizierten Leser ein Abgrund an Langeweile. Cary ist ein vierzehnjähriges Indianer-Halbblut mit verlotterter Mutter und verständnisvollem Vater. In den ersten Kapiteln schon verliert sie ihn, und dann streift sie zwischen Stadt und Farm, Farm und Farm, Farm und Wald hin und her und sieht und hört und riecht Natur. Das wird auch dann nicht aufregender, wenn man weiß, daß dieses Verhalten des pubertierenden Mädchens Ausdruck ihrer Unfähigkeit sein soll, sich anderen Menschen zuzuwenden (kräftig-symbolische Ausnahme: ein achtjähriger „Nigger-Albino“). Am Ende des Buches scheint dieses Handicap überwunden. Bis dahin plätschern Worte und Tränen wie ... (Limes Verlag, Wiesbaden; 251 S., 22,– DM)

Elena Schöfer