Von Hellmuth Karasek

Wenn man über die Rolltreppen und Fließbänder von Montreals Flughafen gleitet, dann vermeint man, in Godards „Alphaville“ angekommen zu sein. Die Autobahn, die vom Flughafen in die Stadt führt, verstärkt diesen Eindruck: ein System von übereinandergetürmten Autobahnen überschneidet sich, gibt dann die Skyline der Stadt preis. Man spürt überall, mit welchen Anstrengungen Kanadas größte Metropole die Herausforderung der Expo vor einigen Jahren angenommen hat.

Wer weiter in vorweggenommener Zukunft reisen will, braucht nur die Metro zu benutzen: jenes von Pfeilen regierte, klare, helle unterirdische Labyrinth, das Züge mit atemraubender Geschwindigkeit durchfahren; Fahrkarten, die photomechanisch kontrolliert werden; Wände, die mit zeitgenössischen Mosaiken ausgestaltet sind: die kreisrunden, spektralartigen Mosaiken von Jean-Paul Mousseau etwa, in der Station Peel.

Für mich das Imponierendste aber: die Geschäftsstraßen und Shopping centers, die mit den Metro-Stationen das unterirdische Dasein teilen. Hier, wo schon allein das Angebot der Delikateßgeschäfte zu signalisieren scheint, daß man in Französisch-Kanada ist, hat man sich aus dem Klima in die Technik zurückgezogen; die riesigen mehrstöckigen Verkaufsstraßen sind vor allem eine Antwort auf Kanadas Winter.

Oben, über der Erde, auf den Straßen fällt auf, wie sich hier, anders als in Toronto oder Ottawa, die Lilie, das Blau-Weiß, neben dem Ahornblatt, dem Rot-Weiß, dominant behauptet. Mit diesem optischen Eindruck ist man mitten in Kanadas verzwicktestem Problem, das ja zumindest seit de Gaulles diplomatischer Entgleisung auch hierzulande bekannt ist.

Schon ein kurzer Aufenthalt genügt, um einem deutlich zu machen, daß dieses Problem nicht nach Schweizer Art zu lösen ist. Daß es in der Schweiz „geht“, liegt (unter vielem anderem) ja wohl auch daran, daß die italienischen Schweizer sich in Italiens Nachbarschaft wissen und die französischen Schweizer in der kulturellen Nachbarschaft Frankreichs. Obwohl Montreal eine vorwiegend französische Stadt ist – man merkt auf Schritt und Tritt, daß sich hier eine selbstbewußte Kultur wie eine kleine Insel in einem Ozean des Angloamerikanischen behaupten muß. Das ist also nicht so sehr ein Problem der Gleichberechtigung, sondern wohl eher das Gefühl, daß da zwangsläufig Tag für Tag etwas abbröckeln muß. Und daß die Verbindung zu Paris eben auch die Verbindung zu einem anderen Kontinent ist. Wenn hier die Symbole das Frankreich der Lilie meinen und nicht das der Trikolore, dann zeigt das zumindest äußerlich an, welch andere Entwicklung das französische Kanada genommen hat. Allein durch die Notwendigkeit, sich gegen eine zahlenmäßig übermächtige andere Kultur zu behaupten, hat manches hier einen konservierenden, konservativen Zug. Man pocht auch auf ein Frankreich von gestern.

So, wenn im Théâtre du Rideau vert Feydeau gespielt wird. Feydeaus „Un Fil à la Patte“ (grob zu übersetzen etwa als: „Ein Klotz am Bein“) ist da, so schien es mir, weniger Ausdruck der Feydeau-Renaissance, wie sie zur Zeit am europäischen Theater stattfindet, sondern eher die Freude an der Rekonstruktion einer Welt, die man gern gegen all das behauptet hätte, was Amerika heißt. Natürlich ist das Stück, in dem ein Mann mit viel List und Mißgeschick seiner Geliebten den Abschied geben will, weil er zu heiraten gedenkt, auch dabei irrwitzig komisch: die diabolische Mechanik des Feydeauschen Theaterapparats, der die Menschen immer wieder in ein Räderwerk verzwickter Situationen bringt, läuft auch hier wie geölt. Und fast hat es den Anschein, als würde sich das Publikum mit besonderem Vergnügen an einer englischen Gouvernante weiden, deren Unkenntnis des Französischen das Liebespaar geschickt ausnutzt.