Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Juli

Er gilt als kühl, und manche seiner Parteifreunde halten Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz sogar für ein wenig selbstherrlich, aber die Ereignisse nach seiner Polenreise haben gezeigt, daß hinter dem betont sachlichen Habitus von Schütz die Fähigkeit steckt, sich beeindrucken zu lassen, nachdenklich zu werden, ja sogar – auf das Auschwitz-Erlebnis – empfindsam zu reagieren. Neue Ideen und Anregungen fallen bei Schütz, wenn sie ihn überzeugen, auf fruchtbaren Boden, sie wecken unter Umständen sogar eine etwas vorschnelle und doch zugleich zurückhaltende Begeisterung.

Die Eindrücke aus Polen wirken bei Schütz erkennbar nach. Und die teilweise unqualifizierten Angriffe auf seine Äußerungen in der ZEIT – artikuliert von professionellen kalten Kritikern, die sich jedesmal unverzüglich zu Wort melden, sobald jemand „Oder-Neiße“ sagt – haben ihn wohl mehr getroffen, als er erkennen läßt. Wie sehr aus dem Hintergrund geschossen wird, zeigt die vom „Bayernkurier“ verbreitete angebliche Beschwerde des Leiters der Deutschen Handelsmission in Warschau, Böx, der Regierende Bürgermeister habe in Warschau jeden Kontakt mit Bonner diplomatischen Stellen vermieden und sich betont als West-Berliner präsentiert. Tatsächlich hat Schütz im Gästehaus der polnischen Regierung mit Böx gefrühstückt, hat er bei der Posener Messe den deutschen Pavillon besichtigt und ist dabei sowohl vom Wirtschaftsreferenten der deutschen Handelsmission als auch von seinen polnischen Gastgebern begleitet worden.

Der polnische Rundfunk hat übrigens in diesen Tagen eine Bilanz über das Echo auf den ZEIT-Artikel von Schütz (in der Ausgabe vom 27. Juni) gezogen. Die Moskauer „Prawda“ reagierte – mutmaßlich etwas vorschnell – negativ. In den übrigen Ostblockländern äußerte man sich interessiert oder sogar positiv. Nur die DDR-Presse hatte überhaupt nichts zu melden.

Derweil gehen die Polen auf Entdeckungsreise nach West-Berlin. Beim Berliner Senat stellte sich das Gefühl ein, es sei „ein Damm gebrochen“. Und bei Gesprächen mit Polen gewinnt man den Eindruck, ihr Land setze große Hoffnungen auf engere Kontakte mit dieser lebendigen, prosperierenden Stadt West-Berlin, die ja nur 65 Kilometer von der polnischen West-Grenze entfernt ist. In West-Berlin geht man auf die polnischen Kontaktwünsche gerne ein, ist sich aber selbstverständlich bewußt, daß diese Stadt keine eigene Außenpolitik betreiben kann. Doch an kulturelle Kontakte ist gedacht, an Ausstellungen, und vor allem natürlich an eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit.

In einer Rede bei einem Firmenjubiläum sagte Schütz dieser Tage, zur Verständigung mit der Umgebung Berlins gehöre auch, daß man zu wirtschaftlichen Übereinkünften zu gelangen versuche. Schütz hat in dieses Verständigungsangebot die DDR ausdrücklich mit einbezogen, doch er weiß sicherlich, daß aus Ost-Berlin keine Antwort zu erwarten ist. Aber, so Schütz, „es hat sich in Polen gezeigt: nicht leicht, aber am wenigsten kompliziert werden Vereinbarungen auf wirtschaftlichem Gebiet sein. Hier gibt es gemeinsame Interessen zwischen der Volksrepublik Polen und der Bundesrepublik Deutschland, und wegen der günstigen geographischen Lage ist Berlin besonders interessiert.“