Als verstärkte Hilfe der Sowjets für ihren Musterschüler DDR ist das jetzt in Ostberlin abgeschlossene Abkommen über die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit der beiden Länder bezeichnet worden. Moskau will Pankow helfen, die Erdgasvorkommen zu erschließen und – bis 1975 – den technischen Rückstand in der Erdölverarbeitung aufzuholen. Außerdem werden mit dem Mineralöl, der Chemie, den Kunststoffen und dem Maschinenbau die Wachstumsindustrien in die verstärkte Zusammenarbeit mit einbezogen, die der DDR im Rahmen der Arbeitsteilung innerhalb des Comecon als Hauptarbeitsgebiete zugewiesen wurden.

Zweifellos kann die DDR von dem technischen Fortschritt in der UdSSR profitieren. Kein Zweifel aber auch, daß mit diesem Abkommen die Abhängigkeit der DDR von Moskau noch größer wird. Bei einem sowjetischen Anteil von 45 Prozent am DDR-Außenhandel ist sie ohnehin schon recht groß.

Noch vor zwei Jahren schien es, als ob sich auch in Ostberlin die Erkenntnis durchgesetzt hätte, daß heute kein Land mehr imstande ist, alle Probleme eines modernen Industriestaates im Alleingang zu lösen. "Den Fortschritt importieren" hieß die Parole, und zwar aus West wie Ost. Das Unabhängigkeitsstreben im Ostblock, vor allem der Freiheitsdrang der Tschechoslowakei, der schließlich zum 21. August 1968 führte, lassen es Moskau offenbar neuderdings ratsam erscheinen, seine Verbündeten wieder, an eine kürzere Leine zu legen; die DDR nicht ausgenommen. mb