Von Friedhelm Gröteke

Vier Stunden lang prasselten Fragen und Vorwürfe der Kleinaktionäre auf den Verwaltungsrat nieder. Dann gab die Oberverwaltung des Heiligen Stuhles nach. Die weltlichen Schicksalsgenossen des Großaktionärs Vatikan erhielten ein kleineres Opfer als befürchtet aufgebürdet, um den Zusammenbruch der Nudelfabriken "Molini e Pastificio Pantanella" zu verhindern. Nur ein Kapitalschnitt mit anschließender Neuaufstockung konnte die Firma noch retten.

Firmenpräsident Marcantonio Pacelli, ein Neffe des vorletzten Papstes Pius XII, versicherte den Kleinaktionären, daß sie ihre alten Aktien zum Nennwert einreichen und bei der Kapitalzuzahlung auf weitere finanzielle Hilfe rechnen könnten. Die Opposition, meist Angehörige traditionell "schwarzer" römischer Familien, eilte zum verspäteten Mittagsmahl. Doch Pantanella-Spaghetti schmeckten an diesem 28. Februar. 1969 niemandem: Die Aktien notierten an der römischen Börse mit weniger als der Hälfte des Nennwertes, und allein der Jahresverlust betrug schon 10 Millionen Mark.

Viele Schätzungen und Mutmaßungen über die Höhe des vatikanischen Vermögens, die in letzter Zeit gemacht wurden, gehen an der Tatsache vorbei, daß der Vatikan mit einigen seiner Hauptinvestitionen wenig Glück hatte, vor allem dort, wo er als Mehrheitsaktionär entscheidenden Einfluß nehmen könnte. In-seinem Buch ,,Die Finanzen des Vatikans" versucht Corrado Pallenberg die These zu belegen, der Vatikan wollte Kapital bei Unternehmen investieren, deren Erzeugnisse "grundsätzliche Bedürfnisse des Menschen" befriedigen.

"Eine Kalkulation, die weniger auf schwindelnd hohe Dividenden als auf zuverlässige Regelmäßigkeit baut", lautet Pallenbergs Urteil über diese Art der Kapitalanlage, und er fügt hinzu: "Diese Politik ist weitblickend und bisweilen übervorsichtig, vielleicht aber unvermeidlich, wenn man bedenkt, daß die Geistlichen der Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls, der Sonderverwaltung oder der Vatikanbank mit Geld umgehen, das ihnen nicht gehört, und daß sie deshalb kein Risiko wagen. Sie haben die Mentalität von Treuhändern und nicht von Spielern."

Die Entwicklung der Pantanella ist ein, wenn auch nicht das einzige Beispiel für Investitionen, die vor 40 Jahren vielleicht einmal gerechtfertigt waren, heute aber mehr Risiken in sich bergen als Elektronik- oder Raumfahrtwerte. Als Mussolini dem Vatikan in dem Konkordat von 1929 eine Entschädigungszahlung von 1,55 Milliarden Lire, nach damaliger Währung über 80 Millionen Dollar, zusprach, erhielt der Heilige Stuhl dieses Startkapital zur Hälfte in bar und zur Hälfte in fünfprozentigen Staatsschuldverschreibungen. Die Mühlen-, Biscuit- und Nudelwerke Pantanella galten zu Zeiten des Faschismus als äußerst modern. Die Mühlenkrise, der harte Wettbewerb auf dem Nudel- und Biscuitmarkt sowie eine veraltete Verwaltung fixierten dazu, daß diese am mittelitalienischen Markt führende; "auf die Befriedigung von menschlichen Grundbedürfnissen" ausgerichtete und mit ihrem engmaschigen Verteilernetz so krisenfest erscheinende Gesellschaft in diesem Frühjahr knapp an einem Zusammenbruch vorbeikam.

Mit der in der gleichen Branche tätigen "Molini Biondi" hatte der Vatikan ähnliches Pech. Auch die einstmals reiche Baumwollindustrie, bald nach dem Krieg Herd ständiger Krisen, erwies sich nicht als das sicherste Pflaster für Vatikan-Kapitalanlagen. Zufriedenstellende Ergebnisse brachte dem Vatikan dagegen der Bereich, in dem er von jeher zu Hause war und in dem sich emsige Verwaltung und durch Insider-Informationen gestützte Blitztransaktionen paaren: das Immobiliengeschäft. Mit der Generale Immobiliare als der größten Grundstücksgesellschaft Italiens und einer Anzahl weiterer Bau- und Bodenfirmen schuf sich die Vermögensverwaltung des Papstes ein Imperium, das seine Besitzungen ebenso am römischen Monte Mario (Beteiligung am Hilton-Hotel) und am Mailänder Domplatz, in Montreal (Börse) wie in Paris und Monte Carlo, Washington, New York und Mexico City hat.