Von Lilo Weinsheimer

Der jüngste, der siebenundzwanzigste Sproß der TEE-Familie heißt "Roland". Der einstige Fernschnellzug hat sich zum Trans-Europa-Expreß gemausert und legt nun die Strecke Bremen–Mailand in zwölfeinhalb Stunden zurück. Auf der Jungfernfahrt wurde der neue TEE stürmisch gefeiert: Die Schweizer ließen auf dem beflaggten Bahnhof von Luzern das Lied "Von Luzern auf Weggis zu" blasen, und in Mailand war auf den Beinen, was bei der italienischen Staatsbahn Rang und Namen hat.

Mit dem "Roland" hat Norddeutschland nun zum erstenmal eine durchgehende Tagesverbindung nach der Südschweiz und Oberitalien. Der Zug startet um 8.21 Uhr in Bremen. Auf dem Weg nach Mailand hält er in Hannover, Göttingen, Frankfurt, Heidelberg, Karlsruhe, Baden-Oos, Freiburg, Basel, Luzern, Bellinzona, Lugano, Chiasso und Como. Die Rückfahrt in Mailand beginnt um 10.30 Uhr, Die Reise Bremen-Mailand und zurück kostet 292,40 Mark.

Im Netz der Deutschen Bundesbahn fahren gegenwärtig 54 TEE- und F-Züge, 600 D-Züge, 2000 Eilzüge und 16 000 Personenzüge. Der Bundesbahn hoffnungsvollste Kinder sind die schnellen TEE-Züge. Während der "Roland"-Premiere verriet Fahrplanchef Rückel: "Wir haben es mit einem starken Aufwind zu tun. Während der letzten vier Monate hat die Zahl der Erste-Klasse-Reisenden um zwanzig Prozent zugenommen." Durchschnittlich benutzen 140 Reisende einen TEE. Er fährt aber bereits rentabel, wenn er mit 80 bis 90 Fahrgästen besetzt ist. Auch die D- und Eilzüge fahren in etwa ihre Kosten ein; stark defizitär laufen dagegen die Personenzüge.

Im Aufwind der TEE-Welle will man weiter segeln. "Noch schneller, noch komfortabler, noch bequemer", heißt die Devise. Die Strecke Zürich–München soll im kommenden Winter eine TEE-Verbindung bekommen, über ein Zugpaar zwischen Frankfurt und Paris wird verhandelt. Und wenn die italienische Staatsbahn mitmacht, will die Bundesbahn den "Roland" eines Tages bis nach Genua schicken. Ab 1970 ist außerdem mit Steigerungen der Reisegeschwindigkeiten zu rechnen. Neue Entwicklungen in der Signal- und Fahrzeugtechnik machen es möglich. Im TEE-Verkehr und im Netz der Intercity-Züge soll künftig mit einer Höchstgeschwindigkeit von 200 Stundenkilometer und einem Schnitt von 150 gefahren werden.

Noch in diesem Jahr (Winterfahrplan) werden an Tageszüge Schlafwagen angehängt. Mit dem "Gambrinus" (Hamburg–Köln–Frankfurt) will man zuerst ausprobieren, wieviel Reisende am Tage zu schlafen wünschen. Dieser neue Service kostet die Bundesbahn wenig, weil die Schlafwagen bisher tagsüber nicht ausgelastet sind.

Dem Projekt "Auto im Reisezug" rückt man, ein bißchen mit dem Mut der Verzweiflung und – so die Herren von der Hauptverwaltung in Frankfurt – "zunächst einmal ohne Blick auf die Kasse", zu Leibe. Man räumt ein: Mit den Autoreisezügen stimmt etwas nicht. Sie sind nur zu wenigen Spitzenterminen ausgebucht; es schrecken die hohen Kosten. Ab Düsseldorf und ab Hamburg werden im Winterfahrplan 1969 preiswerte Autozüge eingesetzt: Der Fahrpreis für Auto und zwei Personen wird sich, auf der Strecke Hamburg–München, an der 200-Mark-Grenze bewegen. Ministerialrat Rückel: "Wir wollen der Tatsache Rechnung tragen, daß der Urlaubsreisende von seinem Auto nicht zu trennen ist. Mißlingt dieser Versuch, dann wäre das der Beweis dafür, daß der Markt für dieses Projekt einfach nicht da ist."