Die „besseren Musikanten“ blieben draußen vor der Halle

Von Cornelia Jacobsen

Man war nicht zum Spaß in die Wiesbadener Rhein-Main-Halle gekommen, an diesem 3. Juli; und wenn man die finster entschlossenen Mienen betrachtete, so hatte man den Eindruck: das Publikum trug schwer an seiner Aufgabe. Es galt, die drei besten Nummern des Deutschen Schlagerwettbewerbes 1969 aus einem Angebot von zwölf Titeln mittels Stimmzettel herauszupunkten. Teenager, Mütter und Väter saßen da im Sommersonntagsstaat und machten sich Notizen, so sorgfältig, wie Wettprofis am Rinde der Rennbahn.

Allsommerlich findet dieser Wettbewerb statt, der der Schallplattenindustrie hilft, die verkaufsflaue Jahreszeit zu überbrücken. Gibt es einen „Hit“ dabei – um so besser. Komponisten, Texter und Interpreten hoffen auf die Chance, wollen auffallen, siegen, groß herauskommen.

Gemeinsam mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen und dem Deutschlandfunk veranstaltet der „Verein zur Förderung der Deutschen Tanz- und Unterhaltungsmusik“ (ein Verein, der aus Komponisten, Textern und Musikverlegern besteht) dieses nationale Festival (das einzig Internationale sind die Interpreten; von zwölf waren diesmal acht Ausländer, was freilich über die Qualität nichts aussagt). Und so ging’s vor sich:

In diesem Jahr wurden 430 Schlagerlieder, anonym und mit beigelegten hundert Mark, wie es vorgeschrieben ist, dem Verein eingereiht. Die Veranstalter gaben freudig bekannt: „Dieses Ergebnis dürfte absolut maximal sein“; denn an den früheren Wettbewerben hatten sich nur etwa halb so viele Autorenteams beteiligt. Eine unabhängige Jury, in der dieses Jahr zum erstenmal die Schallplattenindustrie (zu ihrem Mißververgnügen) nicht vertreten war, verbrachte 28 Stunden damit, aus diesen 430 Titeln 24 auszusieben. Diese 24 konnte dann, wer wollte, an neun Tagen im Deutschlandfunk wieder und nieder hören, prüfen und schließlich bewerten. 8700 Hörer entschieden mit ihren Zuschriften, welche zwölf Lieder in Wiesbaden in die Endausscheidung gelangten.

Beim Anhören dieses erfolgreichen Dutzends mußte man sich allerdings bänglich fragen, wie die übrigen 418 Nummern wohl gewesen sein mögen. In biederen Um-ta-, Um-ta-Rhythmen und mit einfältigen Texten kam Deutschlands leichteste Muse abermals schwerfällig daher.