Was rund fünfhundert „offizielle“ Giftstoffe im Rheinwasser bis nicht vermocht hatten, der fünfhunderteinste schaffte es: Der brauntrübe Rhein, vom vielbesungenen deutschen Strom zum europäischen Abwasserkanal degradiert, war (vorübergehend) wieder hellsilbrig. Von Bingen bis nach Holland glitzerten Millionen aufgedunsener Fischbäuche – übelriechende Opfer eines Fehlschusses im Kampf des Menschen gegen seine Umwelt.

Ob vorsätzlich oder fahrlässig, fest stand: jemand hatte ein zunächst unbekanntes Gift in den Strom gekippt. Die zuständigen deutschen Behörden, aufgeschreckt durch das plötzliche allgemeine Fischsterben, wußten nichts Besseres, als die sich abzeichnende Katastrophe anfangs zu vertuschen. Tage mußten vergehen, ehe es den endlich alarmierten holländischen Wissenschaftlern nach erfolglosem Bemühen ihrer deutschen Kollegen gelang, das Gift zu identifizieren: das Insektizid Thiodan.

Nun weiß also jeder, Thiodan vernichtet nicht nur Insekten, es tötet auch Fische. Eine simple Erkenntnis, aber so ziemlich das einzig Positive an diesem Drama. Und dies sind die Folgen:

  • Nach vorsichtigen Schätzungen ist die gesamte Fischwelt des Unterrheins auf mindestens vier Jahre vernichtet.
  • Die Ökologie des Stromes, jene vielschichtige und biologisch ungeheuer wichtige Wechselbeziehung der Lebewesen untereinander und zu ihrer Umwelt ist auf lange Zeit tiefgreifend gestört.
  • Noch weiß man nichts über das Schicksal der Nordseefauna, der die Giftflut noch bevorsteht.

Schon jetzt gehen die rein wirtschaftlichen Schäden in die Millionen, ganz abgesehen von möglicherweise weitreichenden Auswirkungen auf die europäische Fischereiindustrie. Das deprimierendste: Uns bleibt nichts weiter übrig, als tatenlos zuzusehen, was noch geschehen wird. Irgendein Gegenmittel fehlt, denn daß ein Insektenvernichtungsmittel nicht nur auf schädlingsgefährdete Felder, sondern auch, sei es durch einen unglücklichen Zufall oder gar in bewußter Absicht, in einen Fluß gelangen kann, darüber hat man sich von offizieller Seite augenscheinlich noch zu wenige Gedanken gemacht. Die Vision ist beklemmend. Natürlich gibt es Gesetze zur Reinhaltung der Gewässer (wie effektiv sie sind, das beweist der miserable Zustand unserer Flüsse), natürlich wird der Rheinvergifter, falls man ihn findet, haftbar gemacht werden; was aber hindert etwa einen kriminellen Psychopathen, mit wenigen Säcken irgendeines frei käuflichen Insektizids schon morgen beispielsweise die Donau total zu vergiften?

Tonnen übelriechender Fischkadaver demonstrieren unmißverständlich, was geschehen kann, wenn ein „harmloses“ Pestizid in falsche Hände gerät. Die Folgen sind verheerend.

Weniger offenkundig, indes nicht minder bedrohlich, ist die allgemeine Situation unserer industrialisierten Umwelt. Ganz legal, in der Illusion eines zweifelhaften „Fortschritts“ sind wir eifrig dabei, unsere Umwelt und uns selbst zu vergiften. Tagtäglich verpesten Millionen von Kraftfahrzeugen und Schornsteinen die Atmosphäre, verderben die unverwertbaren Endprodukte der Zivilisation unsere Gewässer, vergiften Chemikalien zum Wohle der Menschheit die Natur. Das „SOS für Wasser und Luft“ ist alarmierend geworden. Unterlassungssünden der Vergangenheit und die Naivität unserer weithin ahnungslosen Gesellschaft beginnen sich zu rächen. Das Problem der Umwelthygiene droht vor allem für die Industrienationen zur Existenzfrage zu werden.