München

Was die Ministerialbürokratie mit faulen Ausreden abzubiegen versuchte, schaffte jetzt ein Bürger durch Privatinitiative. Er fuhr ganze 2000 Kilometer mit dem Auto und 350 Kilometer mit dem Fahrrad und lieferte einen schriftlichen Rapport über die Situation an den Ufern der 20 größten bayerischen Seen – einen Lagebericht, den Volksvertreter und jene überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, die an ausgesucht schönen Uferplätzen kein Grundstück besitzt, längst gern von der Staatsregierung erhalten hätte.

Aber als im Herbst vergangenen Jahres der SPD-Landtagsabgeordnete Reinhold Kaub den zuständigen Landwirtschaftsminister um Auskunft bat, wie groß der Anteil privaten Grundbesitzes an Bayerns Seeufern sei, erklärte der Minister schlicht, solche Recherchen brächten seinem Ressort eine ganz ungewöhnliche Belastung. Finanziell und arbeitsmäßig sei solches Verlangen kaum zumutbar. Also schrieb der Minister dem Fragesteller kurz und bündig: „... möchte ich Ihnen doch anheimgeben, Ihren an mich gerichteten Antrag zurückzuziehen.“

Indes geht es in Sachen Seeufer um nichts Geringeres als um die Verfassung des Freistaates Bayern. Sie enthält den Paragraphen 141 Absatz 3, der besagt, daß Staat und Gemeinden verpflichtet sind, der Allgemeinheit die Zugänge zu den Bergen, Seen, Flüssen und sonstigen landschaftlichen Schönheiten freizuhalten. Alle paar Jahre jedoch haben Abgeordnete, einschlägige Verbände und die Wochenendausflügler Anlaß zu der Annahme, daß dieser Verfassungsartikel nur als menschenfreundliches Aushängeschild auf dem weiß-blauen Papier steht und in der Praxis wie ein Witz anmutet. In einer allgemeinen Betrachtung der Seeufer meinte einmal die Süddeutsche Zeitung: „Sie lassen sich unterteilen in menschenleere, weil irgendwelchen Krösussen gehörende Areale, andere menschenleere, weil unwegsame Zonen, und schließlich einige Landstreifen, auf denen die Menschen sich ballen und einander auf die Nerven gehen. Dies in Ordnung finden heißt denn doch den Respekt vor einem Eigentum, das Hunderttausende benachteiligt, zu weit treiben.“

Die Kommentatoren und Nörgler konnten bisher allerdings mit keiner Statistik aufwarten. Nun aber hat der Augsburger Elektromeister Otto Ammer Zahlen geliefert. Die 20 von ihm umrundeten Seen haben eine Gesamtuferlänge von 330 Kilometern. Davon sind 83 Kilometer – also ein Viertel – als Privatufer oft bis an den See hinein eingezäunt, 104 Kilometer sind unzugängliches Schilfufer, acht Kilometer Steilufer und ganze 135 Kilometer offene und Gemeinde-Ufer.

Zugunsten des Gesamtbilds tragen einige bergnahe Seen bei, deren Wassertemperaturen auch im Hochsommer nicht gerade zum Baden verlocken.

  • Im Ammers Seenliste steht der kleine Wörthsee, 30 Kilometer vom Münchner Marienplatz entfernt, an erster Stelle. Sein Ufer ist zu 95 Prozent in Privatbesitz, 300 Meter sind fürs Volks, der Rest ist Schilf.
  • Am Pilsensee ist die Hälfte des Ufers Privatbesitz, die andere Hälfte hat doppelt soviel Schilf wie freien Badeplatz.
  • Am Staffelsee, Ammersee und Bodensee (bayerischer Teil) sind zwischen 44 und 47 Prozent Privatufer.
  • Starnberger See und Siemssee bringen es auf über 30 Prozent und der Tegernsee auf 22 Prozent Privatufer.
  • Am Chiemsee wiederum sind von 64 Kilometern Uferlänge zwar nur acht Kilometer in Privatbesitz, aber 44 Kilometer verschilft.