Lübeck

Lübeck ist in trauriges Gerede gekommen. Die Stadt, die sich das Marzipan zu ihrem Markenartikel erwählt hat, ist drauf und dran, das zu verlieren, worauf sie immer sorgfältig bedacht war: ihren guten Ruf. Sie hütet ihn seit der Hanse. Und sie hat ihn besonders gepflegt, nachdem sie sich mit Thomas Mann, ihrem bekanntesten Sohn, wieder aussöhnen durfte.

Im Augenblick ist die Stimmung unterhalb der ehrwürdigen sieben Türme jedoch schier unversöhnlich. Die Bürgerschaft, das hanseatische Parlament, und die Bürger der Stadt liegen sich in den Haaren. Der Beschluß der Parlamentarier, beim Tod ihrer Mitglieder den Angehörigen einen Zuschuß von 800 Mark zu gewähren, hat die Bürger in Zorn versetzt. Seit über zwei Wochen machen sie sich Luft in Leserbriefen an die Lübecker Nachrichten, der einzigen ortsansässigen Zeitung, die das kommunale „Sterbegeld“ scharf kritisiert und als „ein Begräbnis erster Klasse“ bezeichnet hatte.

Ein Spektrum der Entrüstung hat sich ausgebreitet. An den Stammtischen, vor den Kiosken, auf Plätzen und Straßen. Erntezeit für diejenigen, denen lauthals vorgehalten wird, daß sie verlernt hätten, „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Kritik ist aus allen Schichten zu vernehmen. Parteipolitisch reichen die Proteste inzwischen von links bis ganz rechts.

Vier sozialdemokratische Kandidaten für die Wahlen zur Bürgerschaft, die im nächsten Frühjahr fällig ist, haben inzwischen schwarz auf weiß formuliert, daß sie nichts von dem „Sterbegeld“ halten und daher bereits heute für den Fall ihrer Wahl auf den Zuschuß verzichten. Einer von ihnen will es der Arbeiterwohlfahrt, ein anderer einem Altersheim vermachen. Der Wahlkampf in Lübeck hat zur Frühzeit begonnen. Wie innerhalb der SPD rumort es auch bei der CDU. Sie will den Makel der Bereicherung ebenfalls so schnell wie möglich verwischen. In ihren Ortsverbänden ist die Forderung laut geworden, „den Sterbegeldbeschluß ersatzlos aufzuheben“. Die Junge Union kennt am wenigsten Räson. Sie nennt den Beschluß der Bürgerschaft ein „Musterbeispiel für politische Instinktlosigkeit“, wogegen sich der Kommentar der NPD („eine indirekte Aufstockung der Aufwandsentschädigung“) fast friedfertig ausnimmt.

Doch ist nicht alles ernst zu nehmen, was in diesen Tagen freimütig in Lübeck geäußert wird. Eine Krankenschwester schlug vor, in Zukunft einen „Ehrensold als Begräbniszulage“ auch für ihresgleichen auszuwerfen. Und einer warf sogar den Gedanken in die Debatte, „allen Jung-Politikern bei ihrer Heirat eine Sonderzuweisung aus städtischen Mitteln“ zu gewähren, damit sie von Beginn an standesgemäß auftreten könnten.

Ohne Überzeugungskraft und damit ohne jede Wirkung sind jedenfalls die Begründungen geblieben, mit denen die Politiker ihren Sterbegeldzuschuß motivieren. Senator Gallonska (SPD) begründete die Vorlage nämlich damit, daß „die Bevölkerung nun einmal den Wunsch hat, sich in großem Rahmen, von den Abgeordneten zu verabschieden“. Das Echo darauf lehrt nicht unbedingt das Gegenteil, aber es hat sich auf den Vorwurf versteift, daß es wohl ein Unding sei, wenn der Bürger für seine Anteilnahme noch draufzahlen solle. „Wenn ich das Bürgerschaftsmitglied auf seinem letzten Gang begleite, so verursache ich damit keine Mehrkosten.“ Das war die Meinung eines anderen.