Von Helmut Salzinger

Die meines Erachtens noch immer schärfste Pop-Gruppe der Welt, die „Rolling Stones“, gab im Londoner Hyde Park ein Konzert. Es war seit vierzehn Monaten die erste Gelegenheit, die „Stones“ live zu hören. Skeptiker hatten gemeint, sie seien am Ende, nun auch sie. Ihre letzte Platte, „Beggars’ Banquet“ – nun ja, zwei, drei Titel vielleicht; und überhaupt, der Weggang von Brian Jones habe der Gruppe sowieso den Rest gegeben.

Und dann, am vergangenen Donnerstag, kam die Nachricht, Brian Jones sei tot. Unwahrscheinlich, daß die „Stones“ dennoch spielen würden. Das Mädchen, das sich unter der Telephonnummer der „Rolling Stones“ meldete, schien über meine Frage verwundert: Selbstverständlich werde das Konzert stattfinden. Später, in London, fragte ich noch einmal danach. Die Antwort dürfte typisch sein: So sentimental sind wir hier nicht.

Warum auch? Die englischen Zeitungen brachten zum Teil seitenlange Artikel über das Leben von Brian Jones, der im Alter von sechsundzwanzig Jahren starb. In einem, der im Titel „Die Wahrheit über Brian Jones“ versprach, hieß es, das tragische Resümee dieses Lebens beweise, daß nichts besonderen Wert mehr habe, wenn das Geld für einen kein Problem mehr sei. Brian Jones, zerrieben in einem hektischen Leben zwischen Musik, Mädchen und Drogen, ein Rebell, den alsbald sein Schicksal ereilte. Man hätte gern, daß es Selbstmord war. So wird ein Mythos aufgebaut, der den Zeitungen Stoff und den Lesern etwas für die Besinnung liefert.

Trauer und Sentimentalität müssen nicht zusammengehen. Brian Jones ist tot, aber die „Rolling Stones“ leben. Am Samstagvormittag, während noch die elektronischen Anlagen installiert wurden, schleppten ein paar Leute ein überlebensgroßes Photo herbei, das vor der Bühne aufgestellt wurde. Es war ein Ausschnitt aus dem Bild auf dem Cover der letzten „Stones“-LP, Brian als übermütig prassender Bettler. Das wartende Publikum, in der Sonne dösend, wurde wach. Spontaner Beifall, dann wieder Lethargie. Vor dem Auftritt der „Stones“ ging Mick Jagger, von Kopf bis Fuß in Weiß, ans Mikrophon, ein Buch in der Hand. Er sprach von ihrer Trauer über Brians Tod, aber er sagte auch: „Keep it cool.“ Dann las er ein Gedicht von Shelley, dessen erste Zeilen lauten: „Peace, Peace. He is not dead, he doth not sleep. He hath awakened from the dream of life ...“

Keep it cool! Die Zeitung hatte nicht Unrecht, die das Konzert ein „Requiem“ für Brian Jones nannte. Es war das „cool“ste Requiem, das es je gab.

Aber das war erst am späten Nachmittag. Begonnen hatte es im Grunde schon am Tag vorher. Tausende waren es, die vor den Toren des Hyde Park, nachtsüber geschlossen, campierten, um am Morgen die günstigsten Plätze im Cockpit zu ergattern. Um zehn war der größte Teil der nicht gerade kleinen Senke bereits besetzt. Ein Platz, den lyrische Naturen unter anderen Umständen als idyllisch bezeichnen würden: alter Rasen, alte Bäume, Blick auf die „Serpertine“, den See inmitten des Hyde Park.