Der höhere Auswärtige Dienst wird nicht insgesamt, aber seine oberen Ränge werden zur Machtelite, politischen Klasse oder den in der Gesellschaft der Bundesrepublik namhaften Führungsgruppen gerechnet. Trifft die Zuordnung zur Machtelite für die überwiegende Zahl der diplomatischen Positionen nicht zu, weil sie einen nur operativen Anteil an Entscheidungen außenpolitischer Relevanz haben oder bei der Planung langfristiger außenpolitischer Strategien keine Rolle spielen, so sind sie jedenfalls zur Prestigeelite zu rechnen.

Der Auswärtige Dienst mußte nach der Konstituierung der Bundesrepublik kurzfristig wiederaufgebaut werden. Es wurde dabei organisatorisch und personell an die Tradition des Auswärtigen Amts des Deutschen Reiches angeknüpft. In den ersten Jahren, als nur eine Dienststelle für auswärtige Angelegenheiten im Bundeskanzleramt bestand, aber auch nach der Restauration des Auswärtigen Amts am 15. März 1951 wurden neben den aus der Wilhelmstraße stammenden Karrierediplomaten, die inzwischen in der Industrie, in der Privatwirtschaft, in Hilfswerken, Länderregierungen oder im Ausland „überwintert“ hatten, auch Außenseiter eingestellt. Die Aufbaujahre des Auswärtigen Dienstes kennzeichnet eine heute fast unvorstellbare personelle Mobilität. Die Außenseiter standen entweder Bundeskanzler Adenauer nahe (der sogenannte Kölner Klüngel, der als Adenauers strategische Clique im Auswärtigen Amt angesehen wurde), oder sie hatten sich Staatssekretär Hallstein beziehungsweise später dem Nachfolger Adenauers als Außenminister, Heinrich von Brentano, empfohlen.

Adenauer und seine Berater gingen dabei von der zutreffenden Überlegung aus, daß unbelastete Außenseiter am ehesten in der Lage wären, das durch die berüchtigte Ribbentrop-Diplomatie und den Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozeß angeschlagene Image der deutschen Diplomatie im Ausland zu korrigieren. Es sei in diesem Zusammenhang an die Einstellung von Wilhelm Grewe, Wilhelm Hausenstein, Heinz Krekeler, Adalbert Prinz von Bayern, Dieter Sattler und vielen anderen erinnert, deren Tätigkeit bei der Schaffung eines ersten „good will“ angesichts eines damals noch weitgehend feindlichen Auslands nicht gering eingeschätzt werden sollte. Diplomatische Posten waren aber auch – im Einklang mit internationalen und übrigens auch im Ostblock häufig praktizierten Gepflogenheiten – Trostpreise für Politiker der ersten Nachkriegszeit, die sich innenpolitisch mißliebig gemacht hatten und durch ihre Abschiebung ins Ausland innenpolitisch mundtot gemacht werden konnten; die Ernennungen von Schlange-Schöningen und Leo Wohleb mögen auf solche Erwägungen zurückgegangen sein.

Während am Anfang, als noch eine Reihe von Außenseitern die diplomatischen Interaktionen bestimmte, die Aufbauarbeit vielfach den Charakter risikofreudiger Experimente trug und dem individuellen Einfallsreichtum ein erheblicher Manövrierraum verblieben war, trat das Auswärtige Amt gegen Ende der dritten Amtsperiode Adenauers in eine Phase der Konsolidierung ein, die im Amt selbst durch die verstärkte Verwendung von Laufbahnbeamten gekennzeichnet wurde. Die diplomatischen Beziehungen, ihre Schwerpunkte und Spielräume waren etabliert, die bürokratische Maschinerie war angelaufen, die Nachwuchsausbildung hatte sich nach einer Phase des Experimentierens institutionalisiert.

Eine eigentliche „Bewältigung der Vergangenheit“ des Auswärtigen Amts fand nicht statt, wodurch man sich der Möglichkeit begab, die Erfahrungen in der Weimarer Republik und im Dritten Reich zum Anlaß für eine Neuorientierung des Berufsbildes zu nehmen. Die Wiedereinstellung von Beamten der Wilhelmstraße ist bis heute eine Belastung der Personalpolitik des Auswärtigen Amts geblieben. Beim Wiederaufbau des Amts war geschultes Personal knapp; so zogen ganz automatisch Männer wieder in das Amt ein, die auch unter Ribbentrop dienten.

Über die Sozialstruktur des Auswärtigen Dienstes der Bundesrepublik liegen verschiedene Untersuchungen vor, die jedoch schon wieder einige Jahre zurückliegen. Die von Zapf, Deutsch und Edinger herausgearbeiteten Sozialprofile treffen zwar im großen und ganzen heute noch zu, doch läßt sich ein Trend zu größerer Berücksichtigung von Kandidaten, die der Mittelschicht entstammen, und von Nichtjuristen feststellen. Aber erst in etwa zehn Jahren, wenn die leitenden Posten, die heute noch von Beamten aus der Tradition der Wilhelmstraße eingenommen werden, an den Nachwuchs übergehen, wird sich sagen lassen, ob sich die veränderte Sozialstruktur des Auswärtigen Dienstes auch in einem neuen Berufsbild, einer neuen Persönlichkeitsstruktur und einem neuen Lebensstil ausprägt.

Juristen dominieren