„Nixon brings the boys home.“ Dieser Parole aus dem amerikanischen Wahlkampf konnte der Präsident jetzt einen Hauch von Realität verleihen: Am vorigen Wochenende traten 800 von 25 000 US-Soldaten den Rückmarsch in die Heimat an – ein erstes Kontingent, dem eventuell schon im August weitere folgen sollen. Der amerikanische Abzug aus Vietnam hat damit begonnen, auch wenn vorerst noch 513 000 GI’s im Felde bleiben.

Die Meldungen vom Kriegsschauplatz klangen unterdessen widersprüchlich: US-Außenminister Rogers hatte auf einer Pressekonferenz Mitte der vorigen Woche mitgeteilt, die Kampftätigkeit sei während der letzten Zeit möglicherweise so gering wie noch nie zuvor im Vietnam-Krieg gewesen. Der südvietnamesische Chefdelegierte bei den Pariser Friedensgesprächen, Pham Dang Lam, widersprach sofort, und drei Tage später, am vorigen Wochenende, berichteten amerikanische Militärsprecher in Saigon von den schwersten nächtlichen Beschießungen seit Ende Juni. Der Vietcong habe in der Nacht zum Sonntag 44 Städte und Stützpunkte mit Granat- und Raketenwerfern unter Feuer genommen.

Auch die Angaben über die Infiltrationstätigkeit Nordvietnams ergaben keinen rechten Reim. Analytiker des militärischen Geheimdienstes führten aus: Nachdem in diesem Jahr pro Monat etwa 30 000 Mann auf den langen Marsch nach Südvietnam gegangen waren (von denen monatlich etwa 10 000 Mann die Kampfgebiete erreichten), seien neuerdings überhaupt keine Infiltranten mehr auf dem Ho-Tschi-Minh-Pfad gesichtet worden. Außerdem habe Hanoi offenbar eine ganze Division (10 000 Mann) abgezogen. Andererseits wurde eingeräumt, möglicherweise habe der heftige Regen die Tätigkeit amerikanischer Aufklärungsflugzeuge behindert. Voreilige Rückschlüsse dürften jedenfalls nicht gezogen werden.