Revolte jetzt auch in der katholischen Kirche

Von Heinz Josef Herbort

Nun, Reformen sind in der Kirche keine Erfindung der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Von der Diskussion der Urkirche, ob nur Juden oder auch Heiden getauft werden können, bis zum Unfehlbarkeitsstreit und der Abspaltung der Altkatholiken mußte sich die Kirche ständig mit neuen Ideen und Ideologien herumschlagen.

Aber während sich in den früheren Jahren und Jahrhunderten die reinigenden Diskussionen auf theologische und dogmatische Probleme bezogen (Dreifaltigkeit, unbefleckte Empfängnis, Unfehlbarkeit, leibliche Aufnahme Mariens), sind die heutigen Umwälzungen sozusagen untheologisch, sie werden der Kirche von außen aufgezwungen. Fragen nach der Autorität wie nach einer neuen Ehemoral, nach dem Zölibat wie nach der Möglichkeit eines politischen Engagements ergaben sich aus der Praxis, theologisch wurden sie erst später relevant.

Seit geraumer Zeit nun, eigentlich seit Papst Johannes XXIII. die Welt mit der Ankündigung eines Zweiten Vatikanischen Konzils überraschte, gibt die katholische Kirche der Öffentlichkeit Rätsel über Rätsel auf. In dem früher scheinbar so starren Block der katholischen Kirche finden Veränderungen statt, Bewegungen, die konträr zueinander verlaufen, die immer heftiger werden und in jüngster Zeit zu Zusammenstößen und tiefen Rissen geführt haben.

Beispiele, die die Progressiven lieferten: das Erwachen der holländischen Katholiken und ihre vielfältigen liturgischen und ökumenischen Experimente, die der Münchner Kardinal Döpfner als "pubertären Überschwang" bezeichnet; die Diskrepanz zwischen der oberen Hierarchie und dem unteren Klerus in Spanien; das Sozialrevolutionäre Engagement junger Priester in Lateinamerika; die heftige Diskussion über und die Opposition gegen die päpstliche Enzyklika Humanae vitae; die Affären um den Studentenseelsorger Jos Vrijburg, der heiratete, den Benediktiner Abt Heising oder den Jesuiten Schoenenberger, die ihre Orden verließen; die 7137 katholischen Priester, die in den letzten sechs Jahren um Entlassung aus dem Amt baten; das freimütige Interview des Brüsseler Kardinals Suenens.

Aber auch die konservative Seite sorgte für Schlagzeilen: durch die inquisitorischen Untersuchungen, denen sich die Professoren Congar, Rahner, Küng oder Schillebeeckx durch Rom ausgesetzt sahen; durch die Affäre Hubert Halbfas; durch die verzweifelten, weil letztlich doch aussichtslosen Bemühungen restaurativer Kräfte wie des holländischen "Het Confrontatie" oder das jüngst veröffentliche Manifest konservativer deutscher Katholikenprominenz. All diese Ereignisse sind Anzeichen von Umwälzvorgängen, die augenscheinlich die ganze katholische Kirche erfaßt haben.