Wir müssen der französischen Wirtschaft internationale Dimensionen geben!“ erklärte Frankreichs neuer Staatspräsident Pompidou auf seiner ersten Pressekonferenz. Nicht nur die bewußte Förderung großer französischer Industrieunternehmen, die mit den ausländischen Riesenkonzernen konkurrieren können, sondern auch der Zusammenschluß europäischer Unternehmen wurde von Pompidou ausdrücklich bejaht.

Die industrielle Konzentration geht in Frankreich auch nach dem Abtreten de Gaulles unverändert weiter. Ein wichtiges Beispiel dafür ist die Umstellung in der chemischen Industrie, einer der größten und modernsten des Landes.

Der Spitzenkonzern „Rhône-Poulenc“ hat 51 Prozent des Aktienkapitals der drittgrößten Gesellschaft „Pechiney-Saint-Gobain“ übernommen. Die restlichen Anteile bleiben bei den beiden Muttergesellschaften, dem Aluminiumkonzern „Pechiney“ und dem internationalen Glasunternehmen „Saint-Gobain“, die im Jahre 1962 ihre chemischen Interessen in der eigenen Gesellschaft „Pechiney-Saint-Gobain“ zusammengelegt hatten.

Gleichzeitig erwirbt „Rhône-Poulenc“ auch eine Majoritätsbeteiligung an einem anderen chemischen Großunternehmen, der „Naphtachimie“, die bisher ebenfalls in der Hand von „Pechiney“ war. Bereits vor einigen Monaten hatte sich „Rhône-Poulenc“ den chemischen Großkonzern „Progil“ einverleibt.

Die Neuerwerbungen machen „Rhône-Poulenc“ zu dem großen chemischen Spitzenkonzern Frankreichs. Mit einem Jahresumsatz von rund neun Milliarden Mark hat „Rhône-Poulenc“ ein Drittel der gesamten französischen Chemieproduktion in seiner Hand.

Neben diesem Großkonzern gibt es in Frankreich heute nur noch „Ugine-Kuhlmann“ (Umsatz 3,6 Milliarden Mark), eine Reihe von Klein- und Mittelunternehmen und die zahlreichen staatlichen Chemiebetriebe. Sie wurden in den letzten Jahren von den staatlichen Petroleumkonzernen aufgebaut und stellen gleichfalls etwa ein Drittel des chemischen Produktvolumens.

Die Expansion von „Rhône-Poulenc“ bedeutet aber nicht nur eine Verdoppelung des bisherigen Geschäftsvolumens dieses Großkonzerns, sondern zugleich eine Umwandlung der Produktionsstruktur. Die Aufnahme von „Pechiney-Saint-Gobain“ und besonders von „Progil“ öffnet den Weg in die petrochemische Produktion, die Chemie der Zukunft.

„Progil“ ist maßgebend an der modernsten französischen Ölraffinerie in Feyzin (Rhône-Tal) beteiligt. „Rhône-Poulenc“ will auf dem Gebiet der Petrochemie in Zukunft eng mit den großen staatlichen und privaten Erdölgesellschaften zusammenarbeiten. Die jüngsten Fusionen in der chemischen Industrie Frankreichs sind daher als ein Neubeginn und nicht als Abschluß der Konzentration in diesem Wirtschaftszweig zu bewerten. ek