Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Juli

Moskau schließt seine Freunde aus der DDR brüderlich in die Arme" – so lautete die Überschrift des SED-Organs "Neues Deutschland" nach der Ankunft der Partei- und Regierungsdelegation aus der DDR in der Sowjetunion. Aber einen konnte Moskau nicht in die Arme schließen: Walter Ulbricht, der nach offizieller Darstellung gerade eine Grippe überwunden hatte, blieb "im Interesse seiner weiteren Erholung" in Berlin zurück, nicht ohne zuvor in einer Sitzung des SED-Politbüros die Aufgaben der Delegation besprochen zu haben.

So stand die Reise offiziell unter der Leitung von Willi Stoph, dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR. In den zahlreichen Reden während der Reise wurde aber von sowjetischer Seite neben Stoph immer auch das Politbüromitglied Erich Honecker als "teurer Genosse" angesprochen, während alle übrigen Delegationsmitglieder namentlich unerwähnt blieben. Dies zeigt, was sein wird, wenn Ulbricht einmal seine Geschäfte aus der Hand legen wird: Stoph und Honecker sind, soweit erkennbar, die potentiellen Nachfolger Ulbrichts – Stoph als Ministerpräsident, Honecker als Parteichef. Wer und ob überhaupt jemand das auf Ulbricht zugeschnittene Amt des Staatsratsvorsitzenden übernimmt, das kann niemand vorhersagen.

Honecker gilt seit einiger Zeit als der Favorit der Parteispitze, Stoph dagegen scheint in der Sowjetunion und bei den kleineren SED-Mitgliedern die größere Rückendeckung zu haben. Ohne Frage ist Stoph zwar der trockenere, aber auch der geradlinigere von beiden. Er hat nicht, wie Ulbricht, die Kriegsjahre in Moskau oder, wie Honecker, im Zuchthaus verbracht, sondern in illegaler Tätigkeit für den Kommunismus, dem er sich bereits im 14. Lebensjahr verschrieben hatte. Stoph hat mitangesehen, was Nationalsozialismus und Krieg in Deutschland angerichtet haben. Er kann die psychologische Situation der Deutschen besser beurteilen als andere Parteiführer, und gerade wegen seiner Nüchternheit, die auf schrille Töne fast gänzlich verzichtet, kommt er bei der Masse seiner Parteigenossen oft besser an als die häufig ins Pathetische abgleitenden Dogmatiker.

Offenbar weiß Stoph zäh zu verhandeln. Daß die Reise der DDR-Führer – an der ausdrücklich erwähnt auch die Vorsitzenden der übrigen Parteien teilgenommen haben – ohne Ulbricht anetreten wurde, kann nur bedeuten, daß sie von besonderer Wichtigkeit ist. Deshalb werden bei den Beratungen in Moskau wirtschaftliche Fragen kaum im Vordergrund gestanden haben. Die wirtschaftliche Verflechtung der DDR mit der Sowjetunion ist bereits denkbar eng; Detailfragen werden ständig besprochen. Viel wahrscheinlicher ist, daß die DDR nach ihrer Aufwertung in der Dritten Welt zu ihrem 20. Jahrestag im Oktober auch von der Sowjetunion eine besondere Geste erwartet, möglicherweise sogar den schon oft versprochenen Friedensvertrag.

Zwei Tage hat man in Moskau verhandelt, und ehe die Besucher aus der DDR auf die Reise nach Leningrad und Kiew gingen, teilte Ministerpräsident Kossygin mit, die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen. Mag sein, daß nicht alle Fragen so schnell geklärt worden sind wie es beabsichtigt war. Es ist vielleicht auch kein Zufall, daß am gleichen Tag, an dem Stoph auf die Reise ging, ungeachtet des sowjetisch-chinesischen Konflikts in Peking ein Handelsabkommen zwischen der DDR und China von stellvertretenden Außenministern unterzeichnet wurde.