Von Eka von Merveldt

Ein Funktionär von „Intourist“ zitierte als Willkommensgruß ein russisches Sprichwort: Einmal sehen ist mehr als zehnmal hören. Im Moskauer Flughafen Wnukowo war eine Tür mit einem Schild in russischer und englischer Sprache gesperrt: „Nur für Mitglieder des Obersten Sowjet.“ Aber auch die ausländischen Touristen haben Vortritt. Sie sitzen abgeschirmt im einladenden Refugium der Intourist-Warteräume. Sie werden gebeten, vor den Sowjetmenschen in die Flugzeuge zu steigen, sie werden am Lenin-Mausoleum in Moskau ganz vorn in die langen Schlangen eingeschleust und brauchen höchstens zwanzig Minuten zu warten, um das wächserne „Symbol für Frieden und sozialistische Errungenschaften“ zu betrachten. Touristen speisen in denbesten Restaurants und sitzen in den Ausländerbars mit harter Währung, vor deren Türen Bundesrepublikaner auch ihre Landsleute aus der DDR ausgeschlossen sehen. Seltsam die Vorstellung, wir, die ausbeuterischen Kapitalisten, würden solche Ausnahmeregelungen für zahlende Amerikaner und Russen schaffen.

Etwa 2000 Kilometer beträgt die Entfernung von Moskau in den Südkaukasus und ans Schwarze Meer. Der Pilot der Tupolew-Maschine schien den Flughafen „Adler“ zu suchen. Er fegte um mehrere Hügel und setzte sehr hart auf. Auch am Fliegen kann man Nationen und Systeme erkennen. Russische Flugzeuge sind robust wie Panzer, und für Staatsangestellte besteht kein Anreiz, Rücksichten auf Kunden zu nehmen. Die Piloten, wie alle, anderen Sowjetmenschen im Dienstleistungsgewerbe, sind rauhe, ruppige Leute, deren Manieren weder durch harten Konkurrenzkampf noch durch natürliche Höflichkeit geschliffen sind. Und die Stewardessen sind weder Schönheitsköniginnen noch dienende Engel. So schimpfte kürzlich sogar das Moskauer Gewerkschaftsblatt „Trud“: „Der Service bei Aeroflot ist miserabel. Das Flugpersonal ist unhöflich, Die Speisen an Bord sind kaum genießbar (wenn es überhaupt welche gibt). In den meisten Maschinen sind die Klima-Anlagen kaputt. Und um überhaupt erst einmal eine Flugkarte zu bekommen, muß man stundenlang anstehen.“ Ausländische Touristen sind auch da Ausnahmemenschen, falls sie die Dienste von Intourist annehmen. Es ist zwar „im Prinzip“ möglich, aber nicht ratsam, das nicht zu tun.

Sotschi, die große Gesundheitsfabrik der UdSSR mit einer Ausdehnung von 145 Kilometer an der Küste entlang, hat den Flughafen mit dem drittstärksten Verkehr in der Sowjetunion. Das Bad ist mit 70 Städten des Landes verbunden. Nach Sotschi kommen jährlich zwei der fünf Millionen Menschen; die in den 450 sowjetischen Kurorten Erholung finden. Sotschi hat zur Zeit 60 000 Betten (Varna, das Touristengetto in Bulgarien, 18 000 Betten, ganz Jugoslawien 100 000). Zehntausende von Erholungsuchenden fahren in Omnibussen täglich zwischen ihren Unterkünften und den etwas außerhalb liegenden Schwefelquellen und Badeanlagen hin und her. Wer in den „Gesundheitspalästen“ und „Sanatoriumsschlössern“ kurt, ist tüchtig im Beruf und hat die rechte Weltanschauung. Von den acht Millionen Gewerkschaftsmitgliedern und etwa 100 Millionen Berufstätigen der UdSSR hatten bisher nur 25 Millionen die Möglichkeit, Erholungsurlaub zu machen.

Unsere „sprachkundige Fremdenführerin“ Natascha aus Moskau, die uns während der ganzen Reise bis nach Baku ans Kaspische Meer begleitete, eine überzeugte und gereifte Kommunistin, diskret und aufmerksam, hilfsbereit und unermüdlich, war ebenso wie die anderen örtlichen Vertreter von Intourist zahlengläubig, obrigkeitstreu. Sie rühmten in kollektiver Einmütigkeit und unkritisch die Errungenschaften der Sowjetunion und waren unbeirrt dabei, sie uns vorzuführen, Hochhaushotels, Sektkellereien, eine Sputnik- oder Trabantenstadt bei Baku am Kaspischen Meer für 280 000 Menschen, Denkmäler, säulengeschmückte Prachtbauten, sozialistische Aufbauleistungen. Diese Besichtigungen gehören neben Museums- und Kirchenbesuchen zu den Intourist-Pflichtübungen für westliche Reisende. Schon bald waren Nataschas drängende Aufforderungen: „Wenn sie wollen ... Wenn sie möchten...“ unser Motto für immer neue Unternehmungen. Aus allen Erläuterungen klang die unbegreifliche Anmaßung, das sowjetische System enthalte das einzig wahre Rezept für die Lösung aller Probleme dieser Erde, ihm sei die Zukunft gewiß, während wir der verwesenden Vergangenheit angehören. Wir waren gekommen, um uns zu informieren, aber wir brauchten viel Geduld. Dieser Anspruch, Vorbild und Richtschnur für eine ganze Welt zu sein, schloß jede freie Diskussion aus, in der jeder seine Fehler zugibt.

Wir blieben schließlich auch still, als Natascha sich in Georgien zu der Anmerkung verstieg: „Jede Unionsrepublik hat jederzeit das Recht, aus dem Verband der Sowjetunion auszutreten.“ Wir unterdrückten es, von der Tschechoslowakei zu reden, es hätte doch zu nichts geführt. Eine der fingierten Fragen vonRadio Jerewan, der dem Kaukasus nahen armenischen Hauptstadt, fiel mir ein: „Kann ein Sowjetbürger jederzeit frei seine Meinung äußern?“ Radio Jerewan antwortet: „Im Prinzip ja, sofern er sich ins Ausland begibt.“

Wir wurden, so weltanschaulich traktiert, auf dieser Reise immer kritischer. Die Hotels und Säulensanatorien, die da in Sotschi inmitten von ausladenden Terrassen, Arkaden, Balkonen und Pergolen an den Hängen standen, spiegelten nur äußerlich südlichen Luxus vor. Nach unseren Maßstäben waren es mittlere, nicht allzu gut geführte Hotels. Die Bedienung fast überall ruppig. Vieles auch in den neuesten Hotels, ist häufig völlig verbaut. Waschbecken hängen halb über Badewannen. Zimmertelephone stehen nicht am Bett. Erwartete Anrufe erreichen den Gast nicht, aber dennoch schrillen die Telephone, und falsche Partner melden sich. Leselampen, fehlen oft. Mal gibt es keine Postkarten, mal keine Briefmarken. Und die abgeschickte Post, so stellt sich später heraus, ist aus Georgien und Aserbeidschan auch nach 15 Tagen noch nicht in Hamburg. Ein Reisender delektierte sich eines Abends in einer Ausländerbar an Pilsener Bier, aber schön bei der nächsten Bestellung hieß es: Njet, nichts mehr da. Ein Glas Sekt kostet 1,20 Rubel, nach dem offiziellen Umrechnungskurs fünf Mark. Für ein Glas (50 Gramm) Weinbrand, des Landes zahlte ich in Baku 9,60 Mark, es war der teuerste Kognak meines Lebens. Selbst die Südsee schenkt europäische Getränke billiger aus trotz ihrer langen Transportwege. Nach den ständigen Erfolgsmeldungen von Natascha machte es uns nachgerade Spaß, daß wir in Hotelaufzügen und mit der georgischen Seilbahn zwischen Berg und Tal hängenblieben, und wir jubelten, als das Schwimmbad im zwanzigsten Stock des neuen Hotels in Tiflis trotz großer Hitze ständig geschlossen blieb.