Von Ruth Herrmann

Die vierte Klasse einer Hamburger Volks- und Mittelschule hat einen Klassenlehrer, der schon seit zehn Jahren seine Schüler vollständig über das informiert, was jetzt Sexualkunde heißt. Die zehnjährigen Jungen und Mädchen seiner Klasse haben in den ersten Sexualkunde-Stunden erfahren, woher die Kinder kommen, sie wissen, wie lange die Schwangerschaft dauert, und kennen den Begriff Beischlaf – für Zehnjährige sicherlich noch ein brauchbares Wort.

In der nächsten Stunde fragt ein Mädchen: „Warum haben eigentlich die Mütter in Afrika immer so viel mehr Kinder als hier?“

„Ja, laßt uns mal überlegen“, sagt der Lehrer.

„Weil da immer so viele Kinder verhungern“ – „Weil die Leute da so arm sind“ – „Weil sie da so oft miteinander schlafen“, vermutet Jörg. „Weil sie sich liebhaben“, sagt einer. „Weil es Spaß macht“, ein anderer. „Weil sie sich gern leiden mögen“, ein Mädchen. Da ruft Michael in die Klasse: „Sie tun es aus körperlicher Begeisterung!“

„Michael“, sagt der Lehrer, „das ist die beste Erklärung, die ich jemals gehört habe. Richtig – aus körperlicher Begeisterung.“

Der Lehrer hat den neuen Sexualkunde-Atlas des Gesundheitsministeriums mitgebracht, der eigentlich für Dreizehn- bis Fünfzehnjährige gedacht ist. Die Kinder stürzen sich darauf, blättern, sehen sich die popfarbigen Graphiken der inneren Geschlechtsorgane an. „Sind die Organe im Körper wirklich so gelb und grün?“ fragt einer.