GATTI: Was ich jetzt sage, scheint weit hergeholt, aber von der Idee her, in einem anderen Kontext natürlich, ist es ein zulässiger Vergleich mit einem konkreten Sinn: das Theater der Vietnamesen. Ihre Stücke haben eine direkte Funktion in dem Kampf, der geführt werden muß. Das Theater ist in die Guerilla-Strategie integriert. Dafür gibt es ein außerordentliches Beispiel: Zur Zeit der Wehrdörfer, als die Amerikaner alle Bauern eingeschlossen hatten, ging eine Theatergruppe in die Wehrdörfer hinein. Das Stück war konzipiert aus Symbolen und Anspielungen, die die Bauern verstehen lehrten, wie der Kampf geführt werden muß. An einem Abend haben die Bauern die verschlüsselte Botschaft, das Zeichensystem, mehr als gut verstanden: Am nächsten Morgen haben sie die strategischen Punkte des Dorfes angegriffen und niedergemacht. Das Theater ging direkt in den bewaffneten Kampf über. Hier stellt sich das Problem natürlich anders. Wir stehen im Kontext der Repression, der sich von dem des direkten Kampfes unterscheidet. Es ist ein Kampf zweiten Grades. Der politische Kampf hat zwar begonnen, aber es geht nicht um Krieg, nicht um Waffen, es geht noch nicht um all das.

Wie könnte "La Naissance" auf einer Bühne des Landes ablaufen, um dessen Probleme es direkt geht?

GATTI: Es ist unmöglich, "La Naissance" in Guatemala aufzuführen, es würde sofort geschossen. Alle Sätze, die hier leicht eingehen, weil keine revolutionäre Situation gegeben ist, provozieren dort blutige Kämpfe. Die Realität potenziert das Stück fünfzig- oder hundertfach. Wir können uns hier das Ausmaß der Repression dort kaum vorstellen. In Guatemala Ciudad darf kein Privatwagen schneller als 30 km/h fahren, da täglich Attentate vom Auto aus verübt werden. Die Polizei schießt sofort auf Autos, die sich nicht an diese Vorschrift halten.

Ich habe auch in keiner deutschen Zeitung gelesen, daß Guatemala seit Wochen kein Fernsehen hat, weil während der Rede Rockefellers die Sendeanlagen in die Luft gejagt wurden. Für die Theater ist es in dieser Situation schon revolutionär, Beckett, Ionesco oder Arrabal zu spielen, das heißt, die Bourgeosie von innen anzugreifen.

Schreiben guatemaltekische Schriftsteller auch für die Klasse, die sich im Theater so bequem angreifen läßt wie sonst nirgendwo?

GATTI: Da achtzig Prozent der Einwohner Analphabeten sind und die Indios gar nicht Spanisch sprechen, gibt es den "Schriftsteller" dort überhaupt nicht. Schriftsteller, die ich kenne, sind unter die guerillas gegangen. Und das ist ein großes Problem, die Indios schreiben nicht, sie singen nicht, sie erzählen nicht. Sie spielen. Die einzige Tradition ist ihre dramatische Tradition. Und ihr einziges Mittel im Kampf ist die theatralische Aktion. Ich habe nie begriffen, warum sie spontan anfangen auf der Straße zu spielen – mit Masken, mit Federn, wenn auch sehr ärmlich.

Alte Zeremonien?