Von Alexander Rost

Was heißt das: mit Pferden leben? 1912 wurde vor einem Gericht in Aberdeen irgendein Fall verhandelt; und eine sehr alte Dame sollte einen Sachverhalt terminieren, der sehr weit zurücklag. „Wann war es?“ fragte der Richter. „Das Jahr weiß ich nicht mehr“, sagte die Zeugin, „aber ich erinnere mich, daß Blair Athol das Derby gewonnen hatte.“ Der Richter wandte sich prompt zum Protokollführer: „Also 1864...“

Ich hatte diese Geschichte, wie man in einem Volk, das Pferde liebt, mit Pferden lebt, auch wenn man selbst keine hält, in F. Chäles de Beaulieus Buch über „Vollblut“ gelesen. Sie fiel mir wieder ein, als ich im Air-Bus nach Köln saß, auf dem Wege zu Schlenderhan:

Flugzeug, Bus, Taxi, über Straßen, von denen Pferde längst verbannt sind, durch Köln, wo das Bankhaus „Sal. Oppenheim jr. & Cie.“ steht (und der Volksmund einst bissig fragte: „Sind Sie katholisch oder wohlhabend?“; die Familie Oppenheim ist evangelisch), Richtung Aachen nach Quadrath-Ichendorf, wo Baron Eduard von Oppenheim begonnen hatte, Pferde von Rasse und Klasse zu züchten und in Rennen prüfen zu lassen; wo er Schlenderhan, den Sommersitz der Familie, zu einem Gestüt ausbaute. Hundert Jahre ist es her.

Über einen Hügel am Horizont ragt der mehr als hundert Meter weit reichende Arm eines Baggers auf dem Braunkohlenfeld. Starkstromleitungen, Fabriken. Schlote, Baustellen, Autobahn-Ausfahrt Kerpen – und drei Minuten später ist die Industrielandschaft aus Sicht und Sinn verschwunden: Schlenderhan scheint in einer anderen Welt zu liegen. Doch ehe man ins Schwärmen gerät, vom „Paradies der Pferde“ und so fort, stellt man nüchtern fest: Schlenderhan liegt in unserer Zeit.

Die Besitzerin, Baronin Gabrielle von Oppenheim, wohnt nicht im Schloß, sondern abseits in einem Bungalow. Im Schloß, einem Schlößchen, vier Fenster links, vier Fenster rechts, zwei Geschosse, ein Dachgeschoß, hat unter anderem der Leiter des Gestüts und des Guts, Ewald Meyer zu Düte, sein Büro. Landwirtschaft wird auf fünfhundert Morgen der zweihundert Hektar betrieben: Getreide, Hackfrucht, Rindviehhochzucht, Stadtgärtnerei. Man liegt günstig in der deutschen Agrargeographie. Gerade heraus befragt, gibt Ewald Meyer zu Düte ohne Zögern zu: „Wir haben hier nicht die Sorgen, die man sich zum Beispiel in Schleswig-Holstein macht.“ Landwirtschaft und Gestüt mit insgesamt fünfunddreißig Angestellten sind im Betrieb miteinander verzahnt. Hier wie dort wird kalkuliert und rationalisiert. Ewald Meyer zu Düte sagt: „Wir haben eine Pferdezucht auf kommerzieller Grundlage.“ Die Besitzerin tarnt ihre Passion mit der Metapher von der „Pferde-Fabrik“.

Das jetzt populärste Produkt dieser „Fabrik“ ist ein dreijähriger Hengst namens Don Giovanni (ein Sohn von Orsini und der Schlenderhaner Stute Donna Diana). Er hat am 29. Juni das Deutsche Derby, das zum hundertsten Male gelaufen wurde, knapp, aber sicher gewonnen. In roter Bluse mit blauen Ärmeln und schwarzer Kappe, den Farben von Schlenderhan, steuerte ihn der britische Jockei Brian Taylor geschickt nach vorn: Schlenderhan machte sich selbst das beste Geschenk zum hundertsten Geburtstag.