Inflationsgefahr in Europa – Brüssel drängt auf eine gemeinsame Konjunkturpolitik – Skepsis gegenüber Währungsänderungen

Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Übergangszeit zum Gemeinsamen Markt der sechs EWG-Länder beendet werden soll, sieht Brüssel schwarz für die wirtschaftliche Zukunft der Sechs: Weil die Kaufwut der 182 Millionen EWG-Einwohner anscheinend nicht mehr zu bremsen ist, droht eine Teuerung: „Die EWG befindet sich in einem Inflationsprozeß, der schnellstens unter Kontrolle zu bringen ist“, konstatiert die Brüsseler Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Sie stützt sich dabei auf die Konjunkturanalysen ihrer Experten, aber auch auf die Antworten der europäischen Unternehmer, die bis auf die Holländer ständig Rede und Antwort über ihre Aufträge und Konjunkturerwartungen stehen.

Das Ergebnis erfüllte Brüssels Experten keineswegs mit Freude: „Die Räder in der Industrie rollen zwar wie geschmiert“, auch hat die wirtschaftliche Verflechtung der sechs Volkswirtschaften immer mehr zugenommen, aber gleichzeitg sind auch Gefahren, entstanden, die nicht mehr länger auf die leichte Schulter genommen werden dürfen. Sie konstatierten vor allem eine Anfälligkeit der Mitgliedstaaten gegen Konjunkturschwankungen in den einzelnen EWG-Ländern.

Warnend hatte Brüssel schon im Februar erstmals mit Nachdruck in einem von EWG-Vizepräsident Barre vorgelegten Memorandum „über die Koordinierung der Wirtschaftspolitik und die Zusammenarbeit in Währungsfragen innerhalb der Gemeinschaft“ auf die drohenden Gefahren hingewiesen. Jetzt wurde in einem zweiten Dokument über „die Aufrechterhaltung eines gleichgewichtigen Wirtschaftswachstums“ noch deutlicher die Notwendigkeit unterstrichen, so schnell wie möglich zu einer gemeinsamen Wirtschafts-, Währungs- und Finanzpolitik zu kommen oder doch zumindest zu einer stärkeren „Konzertierung“ auf diesen Gebieten.

Es geht „schlicht um die wirtschaftliche Absicherung der bisher erreichten Integration“. Die verschiedenen Währungskrisen seien nicht Ursache, sondern Ausdruck der gefährlichen Unterschiede in der wirtschaftlichen Entwicklung der Mitgliedstaaten der letzten Monate. Das deutsche Kommissionsmitglied Hans von der Groeben fordert nicht weniger als geeignete Methoden, um eine gemeinsame Wirtschaftspolitik in den verschiedenen Mitgliedstaaten durchzusetzen.

Im Augenblick „wurstelt jedes EWG-Land“ für sich allein dahin. Schlimmer noch: Jeder versucht für sich durch einzelstaatliche Maßnahmen Steigerungen von Preisen und Produktionskosten die Verschlechterung der Handelsbilanzen und die Spannungen auf dem Arbeitsmarkt in den Griff zu bekommen. Devisen- und Preiskontrollen, Sondersteuern auf Exporte, Restriktionen bei den Kapitalbewegungen werden verhängt, vermerkt Brüssel grollend. Das aber ist ein „Rückschritt, den die bereits erreichte Integration erleidet“.

Der „Imperativ des Augenblicks“ ist daher, mit Priorität die inflationistischen Tendenzen zu bekämpfen. Sie sind jetzt besonders gefährlich, weil sie erstmals seit dem Bestehen des Gemeinsamen Marktes mit einer in allen Mitgliedstaaten gleichzeitig zu registrierenden raschen Expansion der Wirtschaftsentwicklung zusammenfallen. In diesem Jahr wird das Wirtschaftswachstum der Gemeinschaft 6,5 Prozent erreichen, eine Rate, die seit 1960 nicht mehr erzielt wurde. Während jedoch früher inflationistische Spannungen in einem Land durch die Stabilität eines anderen korrigiert wurden, fehlt heute jedes Korrektiv. Mit anderen Worten: „Die Gefahr einer Kumulation des Inflationsprozesses ist gegeben.“