Von Woltgang Müller-Haeseler

Nur 48 fehlerfreie Ritte hatte es bis zum letzten Sonntag bei 1528 an den Start gegangenen Pferden auf dem 1920 gegründeten Deutschen Spring-Derby gegeben. Und am letzten Sonntag schien es, als sollte sich diese Zahl nicht weiter vermehren, denn 38 Starter gingen über den Parcours, ohne daß es auch nur einem gelang, die „Klötzchen“ oben zu lassen. Irgendwo klapperte es immer, und selbst so renommierte Namen wie Nelson Pessoa, Hermann Schridde und Kurt Jarasinski mußten sich 4, 8 oder mehr Fehlerpunkte auf ihrem Konto eintragen lassen.

Der Zufall der Auslosung hatte es gewollt, daß der erfolgreichste Reiter dieses Jahres, Alwin Schockemöhle, mit seinem neunjährigen hannoverschen Fuchswallach Wimpel als 39. und letzter auf den Parcours ritt. Nach der Enttäuschung der vorhergehenden drei Stunden ging schon ein Raunen durch die Zuschauer, als ob sie ahnten, daß die letzte Chance zugleich die größte war. Und Alwin Schockemöhle nahm sie wahr. Pferd und Reiter waren ganz verhaltene Konzentration. Schon als Wimpel über das berüchtigte Hindernis Nummer 7, die weiße Bretterplanke hinter dem Großen Wall, fehlerlos setzte, die immerhin 24 der insgesamt 39 Reiter zum Verhängnis geworden war, steigerte sich die Spannung, die fast unerträglich wurde, als Schockemöhle auch noch Pulvermanns Grab schaffte, in dem 27 Reiter gescheitert waren, während sechs weitere erst gar nicht bis zu dieser Klippe gekommen waren.

Als der Hindernisrichter an dieser Stelle dem Richterturm durch ein Schwenken seiner Kelle bedeutete, daß Wimpel und Schockemöhle dieses auf anderen Turnierplätzen nicht zu findende Hindernis fehlerlos passiert hatten, trug ein Beifallsorkan Schockemöhle über die letzten Hindernisse ins Ziel. Es war sicher nicht nur die Freude darüber, daß nach den vielen ausländischen Siegen in den letzten Jahren wieder ein deutscher Reiter den Lorbeer erhielt, sondern auch die Erleichterung darüber, daß einem nur mittelmäßig besetzten Derby zum guten Schluß doch noch ein hervorragender Reiter mit einem hervorragenden Pferd in einem hervorragenden Ritt dem Springderby 1969 sein Siegel aufdrückte – und neben den vielen anderen Preisen auch hier noch einmal 9000 Mark mitnahm.

Um das grüne Viereck in Hamburg-Klein Flottbek wehten zwar auch in diesem Jahr wieder die Fahnen vieler Nationen. Sie konnten aber die vielen Lücken im Deutschen Spring-Dressur-Fahr-Derby nicht verdecken. Lücken in den Teilnehmerlisten, Lücken in der Organisation und auch Lücken auf den Zuschauerrängen, wobei mit Ausnahme des letzten Sonntags der dünne Besucherstrom sicher nicht nur mit dem launischen Wettergott zusammenhing. Die Organisatoren sollten sich ernsthaft einmal überlegen, ob sie für diese Veranstaltung nicht einen günstigeren Termin wählen können. Erst eine Woche zuvor war das Reiterkarussell des CHIO Aachen abgelaufen. Und schon drei Tage nach dem Hamburger Reiterfest trifft sich die europäische Springelite zu den Europameisterschaften in Hickstead in England. Kein Wunder, daß manche prominenten Reiter es vorzogen, ihre besten Pferde für das Europachampionat zu schonen. So fehlten auf dem Flottbeker Platz die Italiener, die Franzosen und die Spanier. Die amerikanische Reiterelite, die fast ausschließlich von privaten Spenden lebt, bleibt dem Derbyparcours, der so sehr von allen internationalen Bahnen abweicht, ohnehin fern. England war nur durch die Amazone Annely Drummond-Hay und Ted Edgar vertreten.

Am Samstag war das Programm vollends durcheinandergeraten. Der Kampf um die Goldenen Sporen, der in den vergangenen Jahren die Besucher am Sonntag an den Parcours locken sollte, während das Spring-Derby schon am Sonnabend abgewickelt wurde, fand in diesem Jahr erstmalig doch wieder am Sonnabend statt, während das Spring-Derby auf den angestammten Sonntag zurückverlegt wurde. Besucher, die, mit einem Parkschein versehen, ihren Platz aufsuchen wollten, irrten eine halbe Stunde umher, weil der vorgesehene Platz bereits besetzt war. Ihre Befürchtungen, zum Kampf um die Goldenen Sporen zu spät zu kommen, waren allerdings grundlos, denn er begann mit nicht weniger als 70 Minuten Verspätung. Wer vom Suchen nach einem Parkplatz und einem längeren Fußmarsch zum Parcours ermüdet eine kleine Stärkung zu sich nehmen wollte, mußte dann für eine Bratwurst 1,80 Mark berappen und für Zigaretten wurde ihm noch 10 Prozent Bedienungsgeld an einer Bude abgeknöpft.

Es ist zwar durchaus verständlich, wenn ein Veranstalter bestrebt ist, auf seine Kosten zu kommen, zumal gerade der Norddeutsche und Flottbeker Reiterverein nicht gerade mit üppigen Zuschüssen der Stadt Hamburg gesegnet ist. Wenn aber ein Zuschauer für einen gedeckten Tribünenplatz zwischen 27 und 31 Mark bezahlt, möchte er nicht gern noch bei den kleinen Dienstleistungen geschröpft werden. Immerhin, vor zwei Jahren kosteten die Tribünenplätze erst 18,50 bis 22,50 Mark. Der Sattelplatz I hat sich in diesen zwei Jahren auch von 7,50 auf 11 Mark am Haupttage verteuert.