Von Hellmuth Karasek

Im „Goldrausch“ von 1925 verläßt der Film in der ersten Szene, dem langen Marsch nach Alaska, die gewohnte Zivilisation. Menschen kommen hier, in der eisigen Einöde, nur noch als Wölfe unter Wölfen vor. Charlie, der Tramp, wird der Kälte, dem Hunger, Grizzlybären, Naturkatastrophen ausgeliefert – noch schlimmer: an die Goldgier der Verzweifelten. In den schlimmsten und komischsten Szenen droht der pure Kannibalismus.

In den „Modernen Zeiten“ (1936) gerät Charlie in die hochindustrialisierte Zivilisation. Schafherden gleich werden in der ersten Szene die Menschen durch das Fabriktor gezwängt. Hier frißt nicht der Hunger, sondern die Maschine den Menschen: Chaplin, der durch den Wolf der Maschinenwelt gedreht wird. Die kapitalistische Technik als die andere, die zweite Barbarei.

Dazwischen liegt „Der Circus“ (1928), der jetzt in einer von Chaplin überarbeiteten, um einen anrührenden Song bereicherten Fassung wieder in den Kinos zu sehen ist. Ein Film, der auch in der Welt der Jäger und Gejagten beginnt, die sich aber auf dem Jahrmarkt, zum Zirkus verlaufen. „Flucht“ – und das buchstäblich – in die vermittelnde Welt, ins show business. Es ist daher kein Wunder, daß „Der Circus Chaplins persönlichster Film ist.

Daß er auch der schönste ist, wenn man da überhaupt noch Superlative gebrauchen will, liegt für mich daran, daß es der Film ist, in dem Darstellung in jedem Augenblick auch gleichzeitig Reflexion der Darstellung ist. Der Spaß hört nie auf, weil er nie anfängt, ohne über das traurig zu sein, was den Spaß ermöglicht und was ihn nötig macht. Chaplin zeigt heile Welten des Unheils.

Die Einstellung, die dieser Film zur Zirkuswelt gewinnt, ist exakt vergleichbar mit der Einstellung, die Kafkas „Auf der Galerie“ zur Zirkuswelt hat: Hier wird nicht das zu Tränenreichtum verkommene Schema „Sein und Schein“ entlarvt; dieser Film weiß es besser als alle „Lache-Bajazzo“-Auflösungen.

Statt dessen verläuft sich Chaplin gleich anfangs, auf der Flucht vor der Polizei, in ein Spiegelkabinett. Hier verwischen und verwirren sich Jäger und Gejagter. Aber was auch Charlie erschreckt, hilflos macht, ihn immer wieder mit dem Kopf gegen die Spiegelwände rennen läßt, wird gerade seine Rettung.