Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Juli

Bei der letzten Präsidentschaftswahl erreichte der Kandidat der französischen Sozialisten nur fünf Prozent der Stimmen – 23 Prozent der Wähler waren der Partei nach Kriegsende gefolgt. Der Tiefstand vom Juni 1969 war ungewöhnlich, und der Kandidat selbst, Gaston Defferre, der Bürgermeister von Marseille, hatte sich politisch so weit in die Mitte vorgewagt, daß ein Teil seiner Wähler lieber gleich den Kandidaten der Mitte wählte, der ohnehin allein Aussicht hatte, in die Stichwahl mit dem gaullistischen Bewerber zu kommen. Die Partei war schließlich auch jahrelang nicht mehr unter ihrem alten Namen aufgetreten, sondern nur als Teil einer „Föderation der demokratischen und sozialistischen Linken“, eines Sammelbeckens, mit dessen Hilfe die nicht-kommunistische Linke das Gleichgewicht gegenüber der Kommunistischen Partei herstellte.

Dann war im letzten Jahr als Folge der Pariser Mai-Unruhen und der Invasion der Tschechoslowakei alles zusammengebrochen: zunächst die Einheitsfront der Linken, dann die Föderation. Die Wahlniederlage de Gaulles überraschte die Linke gerade bei ihrem Versuch, sich in einer neuen sozialistischen Partei wieder zu sammeln. Der Gründungskongreß, der Anfang Mai im Pariser Vorort Alfortville stattfand, wurde dann von dem Problem überschattet, einen Kandidaten für die Nachfolge de Gaulles zu finden. Mit der Kandidatur Defferres, der sich selbst aufgestellt hatte, schien die sozialistische Partei gleich alles zu verbrennen, was vier Jahre lang von ihr angebetet worden war: Der Verzicht, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten der Linken zu einigen, konnte nun als „Verrat“ angesehen werden. Der Vorwurf wog um so schwerer, als der kommunistische Kandidat bei der Präsidentschaftswahl dann einen großen Achtungserfolg errang.

Nun versuchte man am vergangenen Wochenende in einem anderen Pariser Vorort, in Issyles-Moulineaux, so zu tun, als könne der Neugründungskongreß der Sozialistischen Partei auf jungfräulichem Boden stattfinden. Die alte Partei konnte noch einige kleinere Formationen begrüßen, die mitmachen wollten und die damit überhaupt erst der Neugründung einen Sinn gaben. Es handelte sich um einige politische Klubs, die den bisher schwachen Anteil der Partei an Intellektuellen und an den Altersklassen zwischen 30 und 45 Jahren etwas, verstärken werden.

Die größte Gruppe der Linken, die „Konvention der republikanischen Einrichtungen macht jedoch noch nicht mit. Ihr Fahnenträger, François Mitterand, reist zur Zeit durchs Land, um seine kleine politische Plattform auszubauen. Erst später wird er über eine Fusion verhandeln und sich dabei etwas Einfluß auf die neue Partei sichern wollen. Wäre er schon jetzt eingetreten, so könnte von irgendwelchem Einfluß des Mannes, der 1965 der Einheitskandidat der gesamten Linken gegen de Gaulle war, nicht die Rede sein. Der Zug zur Volksfront setzte sich auch ohne ihn durch.

Diese Orientierung nach links ist das klarste Ergebnis dieses Kongresses. Zwei Drittel der Delegierten stimmten zu, den Dialog mit der Kommunistischen Partei so schnell wie möglich wieder aufzunehmen. Guy Mollet, der für kein Amt mehr kandidierte, aber noch starken Applaus fand, gab der Partei die Parolen „Antibürgerlich“ und „Anti-kapitalistisch“ mit auf den Weg. Alain Savary, der mit den politischen Klubs zu der neuen Partei stieß und der Mollets Favorit für den Posten des „Ersten Sekretärs“ ist, lieferte dazu eine Begründung: „Die Wahl Pompidous ist nicht die Wiedergeburt des Gaullismus, sondern die Geburtsstunde einer großen konservativen Partei.“