Von Ernst Fischer

Die Neue Linke, die sich in der spätkapitalistischen Welt herausbildet, ist kein flüchtiges Phänomen, keine Mode, wie manche meinen, sondern Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen, politischen, geistigen Krise. Den jungen Rebellen gemeinsam ist die Ahnung, daß sich im Dunst des Wohlstands Katastrophen vorbereiten – nicht nur der atomare Krieg, sondern die totale Entmenschlichung. Viele von ihnen flüchten in künstliche Paradiese, doch manche führen auf neue Art einen Partisanenkrieg zur Vorbereitung einer totalen Revolution. Sie haben erlebt, daß ökonomische und politische Umwälzungen allein nicht genügen, daß eine Kulturrevolution, eine Befreiung des Menschen von uralten Normen und Tabus, eine zweite Menschwerdung, erforderlich ist.

Als wir uns für links entschieden, war die Situation weniger kompliziert. Der Widerspruch der Produktivkräfte gegen Produktionsverhältnisse, die nicht mehr adäquat waren, wurde immer noch durch das Proletariat repräsentiert, obwohl bereits bedeutende Schichten des Proletariats mehr als ihre Ketten zu verlieren hatten. Die Arbeiterklasse war unbestreitbar das geschichtliche Subjekt der revolutionären Notwendigkeit. Die Sowjetunion, das erste und einzige Land, in dem die Arbeiterklasse den Kapitalismus gestürzt hatte, war trotz zunehmender politischer Deformation die führende Kraft der internationalen revolutionären Bewegung.

Die Weltwirtschaftskrise und der Faschismus schienen das nahende Ende des Kapitalismus anzukündigen und begünstigten ein Bündnis aller progressiven Kräfte, um die Welt vor dem Untergang in Barbarei zu bewahren.

Das alles ist heute anders. Die enorme Entwicklung der Produktivkräfte in der hochentwickelten kapitalistischen Industriegesellschaft, die strukturelle Wandlung der Arbeiterklasse, der nicht nur biologische, sondern soziale Gegensatz von alt und jung, der revolutionäre Aufbruch der Dritten Welt, die Großmachtpolitik der Sowjetunion, die Entstehung höchst verschiedener Formen einer nicht mehr kapitalistischen Gesellschaft, die zu solchen Konflikten führen wie dem zwischen der Sowjetunion und der Volksrepublik China, zwischen der Sowjetmacht und dem tschechoslowakischen Volk – all dies hat eine völlig neue Situation geschaffen.

Die enorme Steigerung der Produktivkräfte in der hochentwickelten Industriegesellschaft hat zweierlei Konsequenzen:

1. schnelles Wachstum echter und falscher Bedürfnisse und deren teilweise Befriedigung;