Die August Thyssen-Hütte AG, Duisburg, bittet ihre Aktionäre überraschend zur Kasse. Sie will ihr Kapital um 90,6 auf 996,6 Millionen Mark erhöhen. Weitere 3,4 Millionen Mark Aktien werden den freien Aktionären der Thyssen-Töchter zum Bezüge angeboten. Die jungen Aktien sollen von den Thyssen-Aktionären im Verhältnis 10:1 zum Ausgabekurs von 150 Prozent übernommen werden. Oder anders ausgedrückt: Wer Aktien im Nennbetrag von 500 Mark besitzt, kann eine Aktie im Nennbetrag von 50 Mark (wird jetzt geschaffen) zum Preis von 75 Mark beziehen.

Daß die Thyssen-Hütte ihr Kapital erhöhen wollte (oder vielmehr mußte), war kein Geheimnis. Schließlich hatte sich die Verwaltung von der Hauptversammlung vorsorglich eine Kapitalerhöhung genehmigen lassen, deren Konditionen (einschließlich Zeitpunkt) sie selbst bestimmen durfte. Die Verwaltung hat auch nie einHehl daraus gemacht, daß sie das neue Kapital so günstig wie möglich „einkaufen“ wollte. Ein großes „Bezugsrechtsgeschenk“ konnten die Thyssen-Aktionäre deshalb von vornherein nicht erwarten.

In Börsenkreisen munkelt man, daß die Verwaltung ursprünglich einen Ausgabekurs von 180 Prozent ansteuerte, von einigen Banken wird behauptet: 150 Prozent – von mehr war nie die Rede. Nicht abzustreiten ist indessen, daß die Thyssen-Kapitalerhöhung – so hieß es noch vor wenigen Monaten – erst dann vorgenommen. werden sollte, wenn sich der Kurs zwischen 220 und 230 Prozent eingependelt hätte.

Ich bezweifle, meine verehrten Leser, daß solche „programmatischen“ Erklärungen der Durchführung von Kapitalerhöhungen dienlich sind. Warum? Die Aktien der deutschen Eisen- und Stahlindustrie gehören nun einmal nicht zu den Lieblingskindern der Börse. Das hat viele Gründe. Zu einem großen Teil treffen sie auch für Montanaktien anderer Länder zu. Allgemein wird die Branche für weniger zukunftsträchtig als beispielsweise die Chemie- oder die Elektroindustrie gehalten. Überdies gelten Eisen- und Stahlwerke als konjunkturempfindlich, ein Ruf, den sich die Unternehmen durch ihre schwankenden Dividendenzahlungen eingehandelt haben. Tatsache ist außerdem, daß die Vorstände der westdeutschen Stahlkonzerne zu ihren Aktionären noch nicht das vertrauensvolle Verhältnis gefunden haben, wie es von anderen deutschen Großunternehmen in mühevoller Arbeit inzwischen hergestellt worden ist. Der Publikumsaktionär hatte in den Augen der inzwischen aussterbenden Bergassessoren nie eine bedeutsame Rolle gespielt.

An der Börse haben die Konditionen der Thyssen-Kapitalerhöhung wie ein Alarmzeichen gewirkt. Noch nie ist ein Unternehmen mit seinem Ausgabekurs so nahe an den Börsenkurs (190 Prozent) herangerückt wie Thyssen. Aber nicht nur das! Wenn man sich bei Thyssen entschlossen hat, so wird argumentiert, nicht mehr einen Kurs von 220 bis 230 Prozent abzuwarten, um die Kapitalerhöhung durchzuführen, dann liegt diesem Verzicht offensichtlich die Ansicht zugrunde, daß sich die Situation auf dem deutschen Kapitalmarkt in den nächsten Monaten eher verschlechtern als verbessern wird. Auf Thyssen-Kurse von 220 bis 230 Prozent wagt die Verwaltung offensichtlich nicht mehr zu hoffen. Bei ihrer Urteilsbildung wird sich die Thyssen-Verwaltung auf ihre Konsortialbanken gestützt haben, an deren Spitze die Deutsche Bank sowie die Dresdner Bank stehen. Und wenn zwei führende deutsche Kreditinstitute auf diese Weise; zu erkennen geben, was sie von der unmittelbaren Zukunft des Kapitalmarktes und der deutschen Börse halten, sollte das zu denken geben.

Zusammen mit der Thyssen-Verwaltung wollen die Hausbanken offensichtlich erreichen, daß der größte europäische Stahlkonzern mit einer soliden Bilanz in die kommende schwierige Konjunkturphase gehen wird. Bei Thyssen läßt die Kapitalstruktur erheblich zu wünschen übrig. Eigenmittel und eigenkapitalähnliche Gelder erreichten per 30. 9. 68 nicht einmal 40 Prozent der Bilanzsumme. Nach den „goldenen Grundsätzen“ der Montanindustrie sollten es aber mindestens 50 Prozent sein. Ob das Geld zur Finanzierung neuer Investitionen gebraucht wird, weiß man noch nicht. Zu berücksichtigen wird sein, daß der Konzern dank hoher Abschreibungsmöglichkeiten über eine erhebliche Selbstfinanzierungskraft verfügt. Schließlich ist die Thyssen-Hütte das modernste Montanunternehmen Europas. Das Unternehmen schwimmt auf einer Boomwelle. Doch war der Expansionsdrang bislang immer so groß, daß die einbehaltenen Gewinne nicht ausreichten, um die erforderliche Konsolidierung der Bilanz zu erreichen.

Es besteht kein Zweifel, daß die Thyssen-Aktie zu den „feinen“ deutschen Papieren zählt. Mit größter Wahrscheinlichkeit haben die Aktionäre für 1968/69 mit einer um 2 auf 12 Prozent heraufgesetzten Dividende zu rechnen. Der Gewinn je Aktie wird noch beträchtlich höher sein.