Witold Lutoslawski: „Sinfonien Nr. 1 und 2“; Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks, Leitung: Jan Krenz / Sinfonieorchester des Südwestfunks, Leitung: Ernest Bour; Wergo 60 044, 25,– DM.

Aufregendes, Sensationelles, Revolutionäres sucht man in der Biographie des Polen Witold Lutoslawski vergebens: 1913 in Warschau geboren; fünf Jahre Konservatorium, Klavier, Geige, Komposition, daneben an der Universität Mathematik; freischaffender Komponist; Gastprofessuren in Tanglewood und Dartington (USA) sowie Stockholm; Mitbegründer des „Warschauer Herbstes“. Auch die frühen Vorbilder versprechen keine extravaganten Touren: Strawinsky und Bartók. Die erste Sinfonie (1947) spricht deren Sprache, bleibt formal in der Tradition, kennt die neoklassizistischen Tendenzen, ist aber ebensogut der spätromantischen [nstrumentationskunst verbunden. Zwanzig Jahre später, in der zweiten Sinfonie, sieht das alles anders aus. Lutoslawski ist der princeps inter pares der polnischen Komponisten geworden. „Aleatorischer Kontrapunkt“ heißt jetzt das Stichwort. Gemeint ist damit: Innerhalb der Komposition gibt es Felder, die tonhöhenmäßig exakt notiert sind, deren Rhythmisierung aber weitgehend dem Spieler überlassen ist; die akkordischen Zusammenklänge der einseinen Stimmen sind dabei in Grenzen dem Zufall überlassen.

Unterschiedlich, aber den so grundverschiedenen stilistischen Prinzipien angepaßt, ist auch die vorliegende Interpretation: Während Krenz großflächig, mit breit ausgespielten Themen arbeiten kann, muß Bour punktueller musizieren; Krenz kann Emotionen nachforschen, Bour muß Miniaturen präzise zusammenpuzzeln. Deutlicher als mit diesen beiden Sinfonien kann man kaum zeigen, wie sehr und wie schnell sich Personalstil und allgemeine kompositionstechnische Mittel im Laufe von zwanzig Jahren verändert haben. Josef Häuslers umfassende Einführung gibt dem Käufer gerade für das Verständnis dieser Veränderung eine gute Hilfestellung. Heinz Josef Herbort