Von Gabriel Laub

Welche himmlische, welche teuflische Gewalt es sei, die den Dichter zwingt, zu veröffentlichen? „Die einen sagten mir: ‚Der Dichter veröffentlicht, weil er Menschen sucht.‘ Die anderen sagten mir: ‚Der Dichter veröffentlicht, weil es der Beruf des Dichters ist, gehört zu werden, wenn auch von tauben Ohren...‘“ – so schrieb der tschechische Schriftsteller Richard Weiner seinem Verleger im Jahre 1929.

Das war eine Zeit, da seine Bücher in Auflagen von tausend Exemplaren gedruckt wurden und in den Regalen der Buchhändler stehen blieben. Als sie ein Vierteljahrhundert nach Weiners Tod in der Tschechoslowakei wieder herausgebracht wurden, waren sie nur durch Beziehungen zu bekommen.

Das ist nicht eine Besonderheit des Schriftstellerschicksals Richard Weiners, es trifft für alle Schriftsteller zu, die die Unruhe der Epoche ausgedrückt haben in einer Zeit, als die anderen noch mit Ruhe und Hoffnung dieser Epoche entgegensahen. Die Mehrzahl muß immer warten, bis die Epoche reif ist, um zu erkennen, wie wenig sie für ein menschliches Leben eingerichtet ist.

Das Besondere an Richard Weiner ist, daß er von den zweiundfünfzig Jahren seines Lebens nur in zwei kurzen Zeitabschnitten ein aktiver Schriftsteller war. Er wurde am 6. November 1884 als Sohn eines wohlhabenden tschechischjüdischen Fabrikanten in der südböhmischen Stadt Pisek geboren und ebendort im Jahre 1937 auf dem jüdischen Friedhof beerdigt, der heute auch tot ist, weil im Zweiten Weltkrieg die Juden von Pisek weit von ihrem Friedhof ermordet wurden. Im Jahre 1906 hat Weiner das Chemie-Ingenieurdiplom in Prag erworben, später noch in Zürich und Aachen studiert und als Chemiker in der ostböhmischen Stadt Pardubice und in Deutschland – in Freising und in Allach bei München – gearbeitet. Fast die Hälfte seines, Lebens hat er als Korrespondent der tschechischen Zeitungen Samostatnost und Lidove noviny in Paris verbracht. In den Jahren 1913 bis 1918 hat er sechs Bücher schnell nacheinander herausgegeben: Zwei Gedichtsammlungen, „Der Vogel“ (1913) und „Lächelndes Entsagen“ (1914), drei Prosasammlungen, „Die Furien“ (1916), „Unberührter Zuschauer“ (1917) und „Die Grimasse“ (1918), und in demselben Jahr die lyrische Sammlung „Scheideweg“. Dabei schaffte er es noch, etliche Monate Soldat zu sein, bis man ihn im Januar 1915 nach einem Nervenzusammenbruch von der serbischen Front nach Prag zur journalistischen Arbeit zurückschickte. Im Jahre 1919 erschien die Sammlung „Fransen der Nationalgeschichte“, in der etwa achtzig Feuilletons, die er aus Paris für die Lidové noviny geschrieben hatte, zusammengestellt waren. Dieses Buch ist eine Chronik der politischen Ereignisse zwischen dem 28. Oktober 1918 und dem 23. Juni 1919, der Zeit, in der der selbständige tschechoslowakische Staat entstand.

Dann hat er neun Jahre lang kein Buch geschrieben. Von 1928 an erschienen wieder in schneller Folge fünf Bücher: die Gedichtbände „Viele Nächte“ (1928), „Stilleben mit Kauz, Herbarium und Würfeln“ (1929), die Prosasammlung „Der Barbier“ (1929), das Poem „Mesopota“ (1930) und der Roman „Das Spiel Wirklichkeit“, der zwar erst im Jahre 1933 erschien, aber schon 1930 fertig war. Und wieder sieben Jahre literarisches Schweigen bis zum Tode.

Wie entstanden diese schöpferischen Pausen, die man offensichtlich nicht auf den Mangel an literarischer Potenz oder Fleiß zurückführen kann?