Notizen von einer vielleicht wahnhaften Reise

Von Dieter E. Zimmer

Eine Stadt, die man nicht kennt, irgendwo am Rande der kleinen persönlichen Geographie: man hat mit ihr nichts zu schaffen gehabt, und aller Wahrscheinlichkeit wird man mit ihr nie etwas zu schaffen haben. Ein Name, ein paar Postkartenansichten, aber die schon verwechselt man vielleicht.

Ein solcher Ort war Dublin für mich. Eine Stadt, die man nicht kennt. Und doch kannte ich sie, und das auf eine angesichts der manifesten Unkenntnis unverfroren intime Art: aus Büchern nämlich, denen von James Joyce. Lange genug hatte ich über ihren Straßenplänen gebrütet – Namen, Striche, Farben, hier und dort von imaginären Einzelheiten durchsetzt.

Man sehe den persönlichen Ton dieser Sätze nach: dies sind persönliche Notizen, die Notizen von einem, der anderthalb Jahre lang die „Dubliner“ von Joyce übersetzt hat, neu übersetzt hat, der sich sagte, daß er das nicht getan haben dürfte, ohne Dublin zu kennen, und der nun eine Maschine der Aer Lingus besteigt und schon aus der Luft gespannt alles mögliche Unbekannte wiedererkennt, die Liffey, um deren Mündung herum Dublin gebaut ist, den Hill of Howth, an den Mr. Kearney Frau und Kinder in den Sommerferien verfrachtete (so nahe, daß das wirklich kein Grund zum Angeben war), das Pigeon House, das „Taubenhaus“ draußen in der Bucht, das die beiden Jungs in der Geschichte „Eine Begegnung“ auf ihrem heimlichen Ausflug nie erreichen sollten... ja, eindeutig ein Kraftwerk wie vor siebzig Jahren, und wenn die Exegeten es noch so scharfsinnig mit dem Heiligen Geist in Beziehung zu bringen suchen.

Eine sonderbare Reise also, unternommen aus anderen Gründen als denen, die sonst zu Reisen führen: nicht um Freunde zu besuchen, Sehenswürdigkeiten in ihrer Sehenswürdigkeit zu bestätigen, auf Konferenzen zu hocken, Taxifahrer nach heiklen Minoritätsproblemen zu befragen – sondern einzig, um den imaginären Wegen eines Buches in der Wirklichkeit nachzugehen, mit einem Katalog von Übersetzungsfragen im Kopf.

Wie hoch ist der „hill“ des Rutland Square, den die beiden Kavaliere Lenehan und Corley herunterkommen? Wie sind die „areas“ vor den Häusern beschaffen, die Langenscheidt unbrauchbarerweise mit „lichter Raum“ – verdeutscht und die Georg Goyert mit „Vorgärten“ übersetzte (von Erde und Pflanzen jedenfalls keine Spur)? Wie sehen hier die „railings“ aus, und wie müssen sie also auf deutsch heißen? Hat der Kommentator recht, der erläuterte, bei den „barracks“, an denen Farrington in „Entsprechungen“ entlangging, handle es sich um Slumsiedlungen, oder war es vielleicht dennoch eine Kaserne? Ist an Ort und Stelle doch etwas von den „terraces“ zu finden, die Maria in „Erde“ hinaufging und die mir auch Korrespondenten im platten Dublin nicht hatten erklären können? Und dann das „gaunt“, das Joyce für so viele Häuser gebrauchte, das im Deutschen kein genaues Gegenstück hat in seinem Changieren zwischen „hoch“ und „unheimlich“ und das den Übersetzer zwingt zuzugeben, daß er etwas tut, was er um keinen Preis tun möchte und doch in einem fort tut: interpretieren.