Von Josef Müller-Marein

Paris, im Juli

Nun gut, das wollte alles überlegt sein! Wann sollte Georges Pompidou, der neue Staatspräsident Frankreichs, mit seinen ersten Erklärungen vor das Volk treten? Und wie? In welchem Rahmen?

Die Form einer "Pressekonferenz" bot sich an. Schon wegen der "Continuité". Hat nicht General de Gaulle seine "Pressekonferenzen" im Elysée-Palast geliebt? Es waren Höhepunkte seiner Politik. Geheiligte Stunden. Zum Prinzip der "Fortführung" gaullistischer Politik, wie Pompidou es im Wahlkampf verkündet hat, paßt es gut, die Journalisten nach des alten Zauberers Gepflogenheit ins Elysée einzuladen. Doch das andere Pompidou-Prinzip, das der "Öffnung", des Sich-Aufschließens für neue Probleme – bei aller Kontinuität –, könnte wohl auch bei solcher Gelegenheit bezeugt werden. Zunächst fiel also auf, daß Pompidou die gaullistischen Sitten beibehält und sie zugleich ein bißchen ändert. "Jeder, so gut er kann", hörte man vorher in Paris. Und hinterher: "Eh bien, er hat es gut gekonnt!" Mit solchem "Eh bien" übrigens hat Pompidou seine Erklärungen vor den Journalisten begonnen. Und das heißt ja nicht nur "Nun, gut", sondern ist auch ein freundliches Räuspern. Die Stimme wird frei. Es kann losgehen.

Den Journalisten, die in der Biographie Pompidous blätterten, war folgendes aufgefallen: Am 10. Juli 1968, nachmittags, begab Georges Pompidou sich ins Elysée, um nach massiv gewonnenen Wahlen dem Staatschef de Gaulle seinen Rücktritt als Ministerpräsident anzubieten, wie es die Regel vorsah. Er verließ den Palast als ein Entlassener. Er, der am meisten zum Sieg der Gaullisten beigetragen hatte, war in Gnaden entlassen mit dem orakelhaften Segensspruch, er solle sich bereit halten für ein Mandat, das ihm "die Nation eines Tages anvertrauen könnte". Das Erstaunen über diese Entlassung war allgemein. Noch bevor die Nation beim letzten Referendum ihren Undank an de Gaulle bewies, hatte dieser ihn an Pompidou bewiesen. Und die Formel "eines Tages" klang nach "Nimmerleinstag". Doch: Am 10. Juli 1969, nachmittags, auf die Stunde ein Jahr nach seiner Entlassung, empfing der Staatschef Pompidou die Journalisten zur ersten Pressekonferenz. Eh bien.

Keiner, der den Schatten des großen Vorgängers nicht fühlte! Und welche Überraschung: Statt tausend Menschen, die auf eng zusammengestellten Stühlen in Ellbogenfühlung den Festsaal bis in den "Wintergarten" hinein füllten, waren nur etwa 160 Personen geladen, ausschließlich Angehörige der Presse; das diplomatische Corps war nicht mehr dabei. Alle nahmen zur Kenntnis, daß nicht mehr sämtliche Mitglieder der Regierung zugegen waren wie ehemals, zu Zeiten de Gaulles, da sie wie gealterte Schulknaben brav zu Füßen des Podiums saßen, wobei sie ins Licht zwinkerten oder manchmal sogar die Augen schlossen, so daß sie ein bißchen eingeschlafen aussahen. Nein, nur der Ministerpräsident, Chaban-Delmas, war da. Und auf Stühlen, die fein nach dem Protokoll ein wenig zurückgestellt waren, hatten nur noch Léon Hamon, der Staatssekretär und Sprecher der Regierung, und seine Mitarbeiterin Simone Servais Platz genommen.

Das Podium des Staatspräsidenten hatte sich auch verändert: Es war weniger hoch, als wollte es den Wahlspruch Pompidous illustrieren: "Ein Franzose unter anderen Franzosen", aber eben doch etwas höher als die Plätze aller anderen. Einige notierten im Schweiße ihres Angesichts, daß Pompidou einen blauen Anzug mit schwarzer Krawatte über weißem Hemd trug, daß sein Tisch mit einer havanna-braunen Decke ausgestattet war, daß er zwischen vergoldeten Säulen saß, im Hintergrund goldfarbener Damast, eine Art Alkoven, daß er eine ruhige Haltung beibehielt, die Hände gefaltet, daß er hier und da ein Wort nicht nur durch die Stimme, sondern auch durch Heben des Daumens hervorhob, daß er nie die Arme ausbreitete oder weit ausholend mit der Hand und dem Zeigefinger in die Luft fuhr, wie de Gaulle es immer wieder getan hatte, aber dieser hatte eben viel zuwenig auf die Ratschläge der Fernsehleute gehört.