Im Augenblick ist der aktienhungrige Kapitalanleger, der über die Grenzen der Bundesrepublik schaut, in Verlegenheit. Wo anlegen, ist jetzt die Frage. In den USA ist der Sonderzug der Computerwerte, dem eine antitrust-freundlichere Verkaufspolitik der IBM das Startsignal gab, längst abgefahren. 25 der 30 Dow-Jones-Industrietitel haben 1969 nach Ermittlungen von Standard and Poor’s zwar höhere Gewinne zu erwarten, doch werden US-Aktien im allgemeinen erst später interessant werden. Das gleiche gilt für Tokio. Hinter Italien und zur Zeit wohl auch noch Frankreich stehen zu große politische Fragezeichen. London traut man wirtschaftspolitisch auch nicht über den Weg. Über Zürich brauen sich Gewitterwolken einer neuen Konjunkturdämpfung zusammen. Was bleibt?

Es bleiben zum Beispiel Bankaktien – aus zwei Gründen: Zum einen pflegt das Geschäft der Banken mit wachsender Wirtschaft, steigendem Wohlstand und höheren Anforderungen an die Institute überproportional zuzunehmen. Die Banken leben nicht nur von ihren Einlagen, sondern immer mehr auch von ihren Einfällen. Zum anderen aber haben Banken die angenehme Eigenart, daß ihnen nicht nur gute Wirtschaftszeiten wie gerade die jetzigen zugute kommen, wo neue Rekordbilanzen der Banken erwartet werden. Sie profitieren auch eine Weile von schlechten Zeiten: Währungsunruhen treiben den Banken bestimmter Länder ungeahnte Mittelströme zu und lassen sie im Devisen- und Edelmetallhandel verdienen. An der Börse bringen auch Baisseverkäufe Provisionen ein. Und wenn die Wirtschaftspolitiker die Daumenschrauben im Lande fester anziehen, weicht man sofort in Auslandsengagements aus. Wozu gibt es schließlich einen Euromarkt? Infolgedessen ist es üblich, daß der Teilindex der Bankaktien den Gesamtindex in einer Volkswirtschaft beharrlich überschreitet – Grund genug für einen prüfenden Blick auf diese Aktienkategorie.

Die Amsterdam-Rotterdam-Bank verdient nicht nur wegen ihres fulminanten Bilanzsummenwachstums 1968 um fast 25 Prozent Aufmerksamkeit, sondern auch im Blick auf ihr offensichtlich besonders dynamisches Management, das Marktchancen jeweils prompt auszunutzen pflegt. Die Aktie notiert zur Zeit um ihren Tiefstpunkt 1969 und verschafft damit eine Rendite von dreieindrittel Prozent. Ebenfalls in der Nähe ihrer diesjährigen Tiefstnotierung bewegt sich die Banque de Bruxelles, die sich besonders im Leasing- und Factoring-Geschäft hervorgetan hat, als notorisch fortschrittliches Institut gilt und sogar 4,4 Prozent rentiert. In Frankreich legen wir den Akzent auf die Compagnie Financiers de Paris et de Pays-Bas (Paribas), die 1968 über die Bank gleichen Namens und andere Finanzgesellschaften ein besonders intensives Auslandsgeschäft pflegte. Der gegenwärtige Kurs – ungefähr auf halbem Wege zwischen den Extremen dieses Jahres – bedeutet 3,4 Prozent Rendite. In der Schweiz schließlich bietet sich die Schweizerische Bankgesellschaft an, das einfallsreichste Schweizer Institut mit starkem Auslandsgeschäft und munterer Aktivität am Euromarkt, das 1968 ein Plus von fast 50 Prozent hatte, Mitte 1969 eine Bilanzsumme von 20 Milliarden Schweizer Franken erreicht haben dürfte und Jahr für Jahr die Ausschüttung verbessert. Die Aktie mit knapp 2 Prozent Ertrag ist im Augenblick ziemlich billig.

Im angelsächsischen und überseeischen Raum ist vor allem an die agile, gewinnstarke Londoner Barclays Bank (Rendite gegen 4 Prozent bei Jahrestiefst), die expansionsbewußte, allerdings etwas renditenschwache Johannesburger Standard Bank of South Africa und an die mit über 5 Prozent besonders renditenträchtige Bank of Tokyo zu denken. Wer sich in den USA engagieren möchte, tut dies mit Vorteil in Chase Manhattan Bank oder First National Bank of Boston („over the counter“), beides sehr gut geführte, umfassend ausgebaute Institute mit hoher Ertragskraft. W. W.