Der überraschend konziliante Ton und die Gesprächsbereitschaft gegenüber Washington und Bonn, die die Rede von Außenminister Gromyko vorige Woche vor dem Obersten Sowjet auszeichneten, haben in Ost und West große Beachtung gefunden (Auszüge siehe unten „Dokumente der Zeit“). Der bevorstehende Besuch von US-Präsident Nixon in Bukarest hat danach die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen nicht erkennbar belastet. Die Kreml-Führung hat freilich inzwischen ihre für Juli geplante Reise nach Rumänien auf den Herbst verschoben.

Der amerikanische Außenminister Rogers bezeichnete den Ton Gromykos in einer Pressekonferenz am vorigen Wochenende als „positiv“ und den Inhalt seiner Rede als „bemerkenswert“. „Größte Bedeutung“ maß Rogers den positiven Absichtserklärungen über Rüstungsbegrenzungsgespräche und eine etwaige sowjetisch-amerikanische Gipfelkonferenz zu. Auch die Möglichkeiten einer kernwaffenfreien Zone im Mittelmeer, die Gromyko angedeutet hatte, würden in Washington geprüft werden.

Als eine Bestätigung für die anhaltende Tendenz zur Versachlichung der deutsch-sowjetischen Beziehungen wurde die Rede von Bundesaußenminister Brandt bewertet, der am gleichen Tag in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ erklär: hatte: „Wir sind mit der Sowjetunion zum erstenmal seit 1955, als die diplomatischen Beziehungen aufgenommen wurden, in einen Abschnitt eingetreten, der der Normalisierung nahekommt und in dem die Polemik nicht mehr so dominiert.“

Der Stellvertretende FDP-Vorsitzende Mischnick sah in der Gromyko-Rede allerdings „keinen Anlaß zum Freudentaumel“. Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Helmut Schmidt, der gerade in den USA weilte, warnte vor einer Überschätzung der sowjetischen Erklärung.

Beachtung fand freilich die Bereitschaft des Kremls, mit Bonn den Dialog über den Gewaltverzicht fortzusetzen und in Gesprächen mit den West-Alliierten nach einem Arrangement für „die selbständige politische Einheit Westberlins“ zu suchen. Diese Formulierung, die von früheren härteren Wendungen abweicht, wurde von Gromyko zu einem Zeitpunkt verwandt, als sich eine Partei- und Regierungsdelegation unter DDR-Ministerpräsident Stoph in der Sowjetunion aufhielt. Zum Abschluß dieses Besuchs verlautete, die Gespräche hätten eine „völlige Einheit der Auffassungen“ zwischen Moskau und Ostberlin ergeben.

So versöhnlich sich Gromyko gegenüber dem Westen gab, so scharf ging er mit Peking ins Gericht. Sowjetisch-chinesische Grenzgespräche hatten am 18. Juni begonnen und schienen schon nach dem letzten Grenzzwischenfall vom 8. Juli abbruchreif zu sein. Ende voriger Woche weigerten sich die Chinesen – nach einer TASS-Meldung – „offen“, die Verhandlungen fortzusetzen. Dann aber kehrten sie doch überraschend an den Konferenztisch zurück.