Die Rentnerin Lina Karl wollte sich noch ein paar schöne Jahre machen: frei von Kohlenschleppen, Kündigungsdrohungen und Mieterhöhungen wollte sie ihren Lebensabend in einer modernen Eigentumswohnung verbringen. In den letzten Jahren ihres Berufslebens hatte sie eisern gespart, um den Auszug aus ihrer unkomfortablen Altbauwohnung finanzieren zu können.

Monatelang sah sie sich Eigentumswohnungen an. Als sie schließlich eine fand, die sie kaufen wollte, verfügte sie über gute Marktkenntnisse und fand das Angebot preiswürdig: 48 000 Mark für eine 47 Quadratmeter große Wohnung in ruhiger, verkehrsgünstiger Lage in einem Großstadt-Vorort. Der Grundriß der Eineinhalb-Zimmer-Wohnung war ansprechend, die Baufirma das bekannte Großunternehmen „Baugigant“ (der wirkliche Name ist der Redaktion bekannt). Das Unternehmen hatte für dieses Bauvorhaben sogar öffentliche Mittel zugesagt bekommen.

Lina Karl, ließ sich „ihre“ Wohnung reservieren und rückte im Geist schon Möbel ein. Die Verkäuferfirma übersandte die Vertragsformulare und dankte für den Kauf. Da platzte das Geschäft. Was war geschehen?

Gerade noch rechtzeitig vor der Unterschrift hatte Frau Karl den Vertrag einem Rechtsanwalt gezeigt. Der bezeichnete ihn als „Freifahrkarte zu einem Bauskandal“. Der Text enthielt Klauseln, die nicht nur ganz einseitig die Interessen des Verkäufers schützten, sondern auch ausgesprochen gefährlich für den Käufer waren.

Frau Karl sollte einen Kaufanwartschaftsvertrag unterschreiben. Dagegen ist normalerweise nichts einzuwenden. Kaufanwartschaftsverträge sind durchaus üblich, wenn die Wohnung oder das Haus noch nicht fertig sind. In einem solchen Vertrag wird ausgemacht, daß der Käufer die Wohnung zu einem festen Preis mit einer bestimmten Ausstattung und zu einem ungefähren Termin kaufen und der Verkäufer sie ihm zu diesen Bedingungen liefern soll. Die Vereinbarung ist gewöhnlich etwa zwei bis drei Schreibmaschinenseiten lang.

Bei Frau Karl erwies sich der Kaufanwartschaftsvertrag jedoch als eine Akte von zwölf Seiten Umfang. Es sollten bereits bei Abschluß dieses Vorvertrages 50 Prozent des Eigengeldes und die volle Maklercourtage bezahlt werden. Das restliche Eigenkapital sollte dann spätestens vier Wochen vor Bezugsfertigkeit des Hauses fällig werden. Von einer notariellen Beglaubigung des Anwartschaftsvertrages war nicht die Rede.

Ein notariell nicht beglaubigter Kaufanwartschaftsvertrag ist aber eigentlich nur ein feierliches Stück Papier. Nach Paragraph 313 BGB ist ein solcher Vertrag „zwar erfüllbar, aber nicht erzwingbar“. Das bedeutet: Rechte aus einem solchen Vertrag kann man nicht einklagen. Irgendeine Sicherheit für das eingezahlte Eigengeld bietet er überhaupt nicht.