Kann Bonn auf das Talent dieses Wirtschaftsministers wirklich verzichten?

Von Kurt Becker

Zweieinhalb Jahre lang erlebte er – und genoß er – alle einsamen Höhen des politischen Erfolges. Niemand sonst unter den Ministern der Großen Koalition wurde so vom Erfolg verwöhnt wie Karl Schiller. Niemand stieg so blitzschnell auf in der Gunst des Publikums und vermochte so rasch Gegner wie Skeptiker in die Distanz des Respekts zu verweisen.

Doch Karl Schillers Stern am Bonner Himmel verglüht; er verglüht seit der Niederlage im Kabinett im Mai, als der Minister mit der von ihm geforderten Aufwertung der Mark an Kiesinger und Strauß abprallte. Es ist kein dramatischer Sturz in die Tiefe, es ist ein Sturz in Etappen. Die Reputation des Virtuosen bleibt unangetastet, doch der Nimbus des todsicheren Erfolges ist vorerst dahin.

Stabilität als Wahlkampfthema

Ist Karl Schiller passé, wie es manche seiner Parteifreunde befürchten und wie es Wahlstrategen der Unionsparteien ihrem Parteivolk und der Öffentlichkeit nur zu gern suggerieren möchten? Nach dem Senkrechtstart nun die senkrechte Landung? Schillers weiterer Weg läßt sich nicht vorhersagen. Nur so viel ist sicher, daß die tiefgreifenden Gegensätze zwischen ihm und dem Kanzler die Stabilität der Wirtschaft und der Preise und die Gesundheit der Mark zum Wahlkampfthema Nummer eins aufrücken lassen. Und dabei wird Schiller unvermeidlich zur Schlüsselfigur. Nichts in unserem Lande regt die Menschen so auf wie wirtschaftliche Stabilität und Inflationsgefahr, mag das vitale Interesse hieran auch in einer riesigen Diskrepanz zur Sachkenntnis der komplizierten Zusammenhänge stehen – selbst im Parlament.

Aber das Glück hat sich nicht nur gewendet, der Wirtschaftsminister zergrübelt sich in diesen Tagen sogar den Kopf, ob er nicht sein Ministeramt zur Verfügung stellen solle. Der neue Konflikt mit dem Kanzler wegen einer zweiten Ersatzaufwertung, mit der sich der Wirtschaftsminister Anfang dieses Monats nicht durchsetzen konnte, und wegen der Veröffentlichung des Sondergutachtens, das die Aufwertung für längst überfällig hält, hat zu solchen Rücktrittserwägungen geführt.