Essen

Für die Essener Lehrherren und Meister stimmt die Welt nicht mehr. Ein „Aufstand der Lehrlinge“ – so schreckte die Handwerkszeitung ihre Leser auf – drohe das ehrbare Handwerk mittels einer „anonymen Rufmordkampagne“ in Mißkredit zu bringen. Von „radikalen und aufgehetzter Minderheiten“ war die Rede, von „bundesweiter Diffamierung“ und „intellektuellen Drahtziehern“. Was war geschehen?

An einigen Essener Berufsschulen hatten Lehrlinge über ihre Ausbildung und über die Mißachtung der Jugendarbeitsschutzbestimmungen geklagt. Bezeichnenderweise kamen die jungen Leute mit ihren Sorgen zu den Religionslehrern – zwei katholischen und drei evangelischen –, die wegen ihrer fortschrittlichen Haltung schulbekannt waren. Diese diskutierten mit den protestierenden Lehrlingen und starteten mit ihnen eine Fragebogenaktion. „Wir sind eine Arbeitsgemeinschaft gewerblicher Lehrlinge“ – so hieß es da – „wir interessieren uns dafür, wie Lehrlinge ausgebildet werden, und möchten herausfinden, was man verbessern kann“.

Doch schon beim Verteilen der 4000 Fragebogen in den Essener Berufsschulen erfuhren die Lehrlinge zum erstenmal, daß man nicht ungestraft ehrwürdige Ordnungen und Traditionen kritisiert oder gar in Frage stellt. Regierungspräsident und Kultusministerium wurden bemüht. Fazit: Die Fragebogen durften auf den Schulhöfen nicht verteilt werden; vor den Schultoren erreichten sie schließlich ihre Adressaten.

400 Fragebogen kamen nach einiger Zeit zurück. Auf einem Diskussionsabend für Lehrlinge, Berufsschullehrer und Eltern gab die Arbeitsgemeinschaft das Umfrageergebnis bekannt: 77 Prozent der 400 Lehrlinge gaben an, zu berufsfremden Arbeiten herangezogen zu werden; 46 Prozent beklagten, unbezahlte Überstunden machen zu müssen; 16 Prozent schrieben, sie seien Druck von seiten des Lehrherrn ausgesetzt.

Zuvor schon hatten die Lehrlinge auf einer Pressekonferenz über besonders krasse Fälle aus ihrem Berufsleben berichtet: „Ich hab’ einmal Ärger mit der Polizei gehabt“, berichtete ein Kfz-Lehrling, „da wollte mein Meister wissen, wer mit dabei war. Das hab’ ich ihm nicht gesagt. Da hat er mir mehrere Male mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Und als ein anderer Lehrling deswegen gepfiffen hat, hat der Betriebsleiter wie wild auf den losgeprügelt.“ Eine Laborantin erzählte: „Eigentlich habe ich um fünf Uhr Feierabend. Aber ich bleibe oft bis halb acht. Als ich neulich aber noch länger bleiben sollte, habe ich mich geweigert Da hat der Chef die Haustür abgeschlossen, und wir mußten doch arbeiten. Erst um 22 Uhr hat er uns rausgelassen.“

Die meisten Klagen kamen über berufsfremde Arbeiten. Ein Chemigraph: „Ich muß am Tag acht- bis neunmal einkaufen gehen. Das fängt beim Kaffee an und hört beim Rollmops auf.“ Klagen über Klagen: Monatelang Zettel sortieren, ein Jahr lang Telephondienst, Toiletten putzen, Flure bohnern, und immer wieder Belege aufkleben, stempeln, abheften. Als sich ein Banklehrling über diese stumpfsinnigen Arbeiten beklagte, erhielt er zur Antwort: „Ein Lehrling muß zunächst Ordnung lernen!“