Natürlich ist das ein abstruser und ziemlich naiver Einfall, der eigentlich nur meine humanistische Rückständigkeit im Zeitalter der Astronauten signalisiert. Nannte das Günther Anders nicht „die Antiquiertheit des Menschen“? Mein Einfall hat keine Chance, bei der NASA auch nur ein Achselzucken hervorzurufen. Er ist lächerlich. Ich wage es trotzdem, ihn jetzt, wo sie doch tatsächlich auf dem Mond aussteigen wollen, einmal vorzutragen – untertänigst.

Jedesmal, wenn ich diese Mondraketen sich in Kap Kennedy nach ihrem spannenden Countdown so stolz erheben sehe, wenn ich sehe, wie sie in dieser kolossalen Wolke zur großen Himmelfahrt verschwinden, durchfährt mich Daheimgebliebenen, mich Zurückgebliebenen, mich so unendlich Neugierigen der abstruse Gedanke: Schade, daß da kein Schriftsteller mitfliegt. Ein Dichter wäre wichtig.

Peterchens Mondfahrt heute, ach, ich wüßte doch gern einmal, authentisch und ausführlich beschrieben, wie das nun wirklich ist; so unterwegs und oben und draußen und dann schließlich auf dem Mond: „Looks like plaster of Paris“, ließ uns Astronaut Lovell wissen. Mir ist das einfach zuwenig. Wer schreibt uns also das erste literarische Reise-Journal vom Mond? Mary McCarthy, Truman Capote oder vielleicht gar Norman Mailer? Ich meine, man erfährt zuwenig vom Eigentlichen, von Hoffnung und Angst, Wunder und Schrecken, vom Erlebnisvorgang solcher Expeditionen. Das sind doch die letzten Abenteuer der Menschheit: Aufbruch ins All, die große Abnabelung des Homo sapiens. Warum blieb das Zeugnis der Sprache darüber bisher nur so ärmlich und irgendwie infantil? Zahlen, Ziffern, Funksprüche, Dialoge im Weltraum, Interviewfetzen. Man hat das im Fernsehen, miterlebt.

Ach, ich will doch nichts gegen Borman, Lovell und Anders sagen: ehrenwerte Männer, Helden im technischen Zeitalter, nur was sie mitunter so sprachlich herunterfunkten, das enttäuschte mich oft. Das Pausbäckige, das Frisch-Fröhliche, das knabenhaft Niedliche vergrämte mich. Die Mannschaft von Apollo 10 zum Beispiel ließ uns hören (rückblickend auf die Erde), „Oh, Charly, Baby, es ist phantastisch, Baby!“ – „The coast of Africa looks beautiful“. Und dann wieder: „It’s fantastic out there, habe!“ Das will ich wahrlich glauben. Das ist wie ein Hollywood-Sound. Man kann solche Töne aber auch an den Schaltern von American Express hören, wo ältere Damen, von Heidelberg kommend, für Venedig schwärmen: Lovely, really!

Es gibt doch noch eine andere Dimension auf großer Reise, oder täusche ich mich? Das Irland der Landvermesser ist ein anderes, als das Irland, das Heinrich Böll uns zeigte. Wolfgang Koeppen sah in Amerika natürlich viel mehr, als alle Photobände reponieren können. Nein, es geht mir nicht um Poesie, es geht mir um – einen präzisen Report der humanen Reflexe draußen. Das würde mich interessieren jetzt beim ersten Mondspaziergang.

Darum sage ich: Liebe NASA, wenn’s möglich wäre: steckt doch auch einmal einen Dichter in die Mondfähre, damit wir alles genauer erfahren, wir Neugierigen zu Hause. Fernsehen ist schön und gut, es bleibt doch die Oberfläche. Es muß ja nicht gleich ein Homer sein. Walter Jens oder Ernst Schnabel würden mir vollauf genügen. Bringt uns ein Feature jetzt, das lesbar ist, vom Mond. Horst Krüger