„Kleinstadt-Ideologie – Zwischen Furchenglück und Sphärenflug“, von Hermann Glaser. Der Titel „Kleinstadt-Ideologie“ bezeichnet ein schwer abgrenzbares Syndrom psychischer Verklemmungen, das vom Autor unter wechselnden Perspektiven mehr beschrieben als analysiert wird, so wenig exakt wie die Absicht des Buches, die letztlich auf die Rehabilitierung einer recht verstandenen, nämlich nicht mehr als faule Weltabkehr erschlichenen, sondern den Bedrohungen des Daseins aktiv und bewußt abgerungenen Idylle hinausläuft. Theoretisch (mitunter auch sprachlich) bleibt manches ein bißchen unklar, nicht zuletzt durch die Vermengung spezifisch deutscher Malaisen mit den Verheerungen einer repressiven Kultur“, die abendländisches Gemeingut ist; anregend aber ist die Lektüre des Büchleins, das teils als Nachlese zu „Spießerideologie“ und „Eros in der Politik“, teils als tastende Vorarbeit zu einem noch zu schreibenden Buch anmutet – und das in vielfacher Hinsicht. Das Vorwalten eines moralisierenden Impetus gegenüber gesellschaftlich-politischer Ursachenanalyse – was, wie etwa am Beispiel der Jasmin-Kritik sprachanalytisch zu erweisen wäre, auch auf Kosten der deskriptiven Genauigkeit gehen kann –, verbunden mit einer Neigung zu anthropologische! Hypostasen („Kleinstadt als Lebensform“, „du idyllische Haltung“), rächt sich freilich: Da der sympathische erzieherische Anruf sich nicht aul hinreichende Klärung der Bedingungen stützen kann, unter denen er realisiert werden soll, muß auch das positive Idyll als Freiheitsraum für „Kultivierung, Sublimierung, Humanisierung’ ausdrücklich Enklave bleiben, kann die „konkrete Utopie“, als „Freizeitgesellschaft“ formuliert, eben dies, nämlich konkret, nicht sein. Immerhin; in unwirtlicher Geisteslandschaft wird als Wegmarke das Prinzip Hoffnung eingerammt. (Sammlung Rombach, Verlag Rombach & Co Freiburg; 177 S., 29 Abb., 12,– DM)

Hans Krieger

„Ein Mann in Paris“, Roman von Robert Sabatier. „Sie gehören zur internationalen Elite“, so beschwört ein homosexueller Sänger den Romanhelden. Sehr wahr – auch wenn der Adlige, um den es geht, sich eines Decknamens bedient, auch wenn er klagt: „Eine Saite in mir ist gerissen.“ Wer den Roman gelesen hat, kann, was die Hauptfigur angeht, nur dem Verfasser beipflichten: „Seine innere Zerrissenheit hat keinerlei Einfluß auf seine Eleganz.“ Der so zerrissene wie elegante Mann raucht viel, immer Muratti, und rasiert sich oft (elektrisch), er erinnert sich der fürstlichen Mama und seiner abtrünnigen Frau, entlockt dem Körper einer reichen Blinden aus Amerika „Akkorde wie ein Virtuose“ und geht in Nachtlokale, „um dort den vollständigen Ekel vor sich selbst zu suchen“. Der Mann ist schick bis in die letzte Kummerfalte, sein Lebensüberdruß: hochfeine Marmelade. (Claassen Verlag, Hamburg/Düsseldorf; 354 S., 22,– DM)

Christa Rotzoll

„Zeit der Versuchung“, Roman von Evelyn Peters. Der sogenannte Frauenroman leidet in Deutschland mehr denn je unter dem Mangel gesellschaftlicher Verbindlichkeiten. Wo ein traditionelles Leitbild fehlt, ist es schwer, dramatische Spannungen zu erzeugen und Identifikationsmodelle zu bauen. Mit der Schwierigkeit, immer nur begrenzte soziale Situationen zu treffen, hat sich die Autorin geschickt auseinandergesetzt. Ihre Heldin, die „typische“ vierzigjährige Nur-Hausfrau, verläßt ihren untreuen Mann und versucht sich in Selbständigkeit in Beruf und Liebe. Zum Schluß kehrt sie jedoch wieder zur Ehe, zum erfreulicherweise bereitwilligen Ehemann und zu den Kindern zurück. Das ist ein moderat modernes Schema: Die Heldin wird durch die Ehepause zwar jünger, selbstbewußter und mutiger – was den progressiven Leserinnen behagen kann –, aber sie scheut wilde Wonnen, erkennt auch im Liebhaber den schwachen Mann und trifft mit sich selber das Arrangement, wenn schon, dann den eigenen schwachen Mann zu lieben, was wiederum die konservativen Leserinnen erfreuen kann. (Verlag Ullstein, Berlin; 224 S., 16,– DM)

Sybil Gräfin Schönfeldt