Von Willi Bongard

Die diesjährige Auktionssaison – soweit man auf dem Kontinent davon sprechen kann – neigt sich dem Ende zu. Während aus London, dem Hauptumschlagsplatz des internationalen Kunstmarktes, in den kommenden Wochen noch einige Überraschungen zu erwarten sind, darf man für die europäische „Provinz“ bereits Bilanz ziehen. Es ist eine Bilanz, die sich sehen lassen kann, soweit man dabei auf die Preisentwicklung abstellt. Denn vom Umsatz her bleiben die europäischen Auktionen – im Vergleich zu London und New York – eine „quantitée négligeable“.

Daran ändert auch die letzte große, dreitägige Berner Auktionsveranstaltung bei Kornfeld und Klipstein nichts, die überall Aufsehen erregte und Schlagzeilen machte. Zwischen dem 11. und 16. Juni hagelte es in Bern neue „Weltrekorde“, und die Auktionsberichtserstatter überboten sich gegenseitig mit mehr oder weniger zutreffenden Metaphern über das „Kunstfieber“ und den „Haussetaumel“, von dem die „Kunstbörse“ in diesen Wochen erfaßt schien.

Eberhard W. Kornfeld, dessen Angebot als das interessanteste auf dem kontinental-europäischen Markt gilt, gelang es, innerhalb von drei Tagen aus insgesamt 2280 Graphiken, Handzeichnungen, Ölbildern und Skulpturen rund 10 Millionen Franken herauszuklopfen. (Zum Vergleich: Vor drei Wochen „schafften“ Christie’s in London etwa den gleichen Betrag mit drei alten Meistern: einem Tiepolo-Deckenbild, einem Rembrandt-Selbstporträt und einem unbekannten Venezianischen Meister des 18. Jahrhunderts.)

In Bern bestätigte sich die Entwicklung, die sich kurz vorher bereits auf Auktionen in München, Köln und vor allem in Hamburg (Hauswedell) abgezeichnet hatte: Die Nachfrage nach Werken bildender Kunst, insbesondere der „klassischen Moderne“, hält unvermindert an. Das Geld sitzt wieder locker in den Taschen vieler Sammler – mit dem Erfolg, daß die Preise weiter kräftig gestiegen sind und teilweise atemberaubende Höhen erreicht haben.

Kein Zweifel, daß der rasante Preisauftrieb, wie er vor allem für Arbeiten der „École de Paris“, aber neuerdings auch verstärkt für deutsche Expressionisten zu verzeichnen ist, in der Hauptsache auf das Konto amerikanischer Händler und Sammler geht, die in dieser Saison auffallend zahlreich vertreten waren und die sich das Kaufkraftgefälle zunutze machen.

Solange die Amerikaner für ihren Dollar immer noch vier Mark bekommen, fällt es ihnen leicht, Preise zuzugestehen, die nach europäischen Maßstäben als übertrieben angesehen werden müssen. Die unterbliebene Mark-Aufwertung und die Vertagung einer allgemeinen Neufestsetzung der Wechselkurse (zum Nachteil des Dollars) hat sich auch und gerade für den Kunstauktionsmarkt stimulierend ausgewirkt. Abgesehen davon spiegeln die Kunstpreise allgemein die fortschreitende Geldentwertung wider, vor der man sich durch eine Flucht in die Sachwerte zu retten sucht.