Wohl noch nie, so sagen die Kenner des Kreml, hat ein sowjetischer Politiker so milde, so versöhnliche Töne gegenüber Amerika angeschlagen wie jetzt Gromyko. Der Außenminister sprach vor dem Obersten Sowjet – aber es war, als säßen Nixon und die Seinen auf den Zuhörerbänken. Gromykos Rede, die erste wichtige Bekundung Moskaus seit der kommunistischen Weltkonferenz, war eine einzige große Offerte an den anderen Giganten. Kein Wort des Tadels fiel wegen der Rumänienreise des amerikanischen Präsidenten, vielmehr wurde klipp und klar die Erwartung ausgesprochen, daß die guten Beziehungen zwischen Washington und Moskau sich sogar zu „freundschaftlichen“ verbessern könnten.

Wahrhaftig: welch ein Wandel! Zwar wollte auch Chruschtschow, der als erster Sowjetführer aus dem Grabensystem des Kalten Krieges herausgeklettert war, den Ausgleich mit den Vereinigten Staaten. Aber dies nur, um Luft zu bekommen, um jenen Traum, an den er fest glaubte, eines Tages um so sicherer verwirklichen zu können: die Vereinigten Staaten Wirtschaftlich – und damit auch machtpolitisch – zu überflügeln und aus der Rolle des Rivalen ein für allemal herauszudrängen. In Chruschtschows Vorstellungen, und nicht nur in seinen, spukte damals die Zukunftsvision von einer Sowjetunion, die als strahlende Hegemonialmacht die Welt beherrschen würde.

Heute kreisen offenbar andere Visionen in den Köpfen der sowjetischen Führer. Immer deutlichere Anzeichen sprechen dafür, daß sich in Rußland Angst auszubreiten beginnt vor den 700 Millionen Chinesen hinter den östlichen Grenzen. Sogar in der Rede des sonst so nüchternen Gromyko schimmerte diese Sorge durch. Es ist gewiß nicht nur pure Spekulation, wenn man annimmt, daß Moskau sich immer stärker auch auf die Möglichkeit eines kriegerischen Konflikts mit Peking einzustellen beginnt.

Wiederum also haben die Kremlführer alles Interesse daran, sich gegenüber dem Westen – und das heißt vor allem gegenüber Amerika – Luft zu schaffen. Diesmal freilich nicht, um den Höhenflug zur wirtschaftlichen und ideologischen Weltbeherrschung anzutreten, sondern um dem (in der russischen Tradition tief verwurzelten) Trauma von einer Konfrontation an zwei Fronten zu entrinnen.

Weil ihm die Furcht vor China im Nacken sitzt, drängt der Kreml auf eine Stabilisierung an seiner westlichen Flanke. Aufs neue hat Gromyko deshalb dafür plädiert, ein kollektives Sicherheitssystem für Europa zu schaffen. Doch keine Rede ist mehr davon, daß die USA aus einem solchen europäischen Arrangement ausgeklammert werden müßten. Ganz im Gegenteil: Unverhohlen versucht sich Moskau der amerikanischen Unterstützung zu versichern. Und es scheint bereit, dafür auch den amerikanischen Wünschen entgegenzukommen: Wenn der sowjetische Botschafter Dobrynin dieser Tage nach Washington zurückkehrt, wird er wahrscheinlich das Einverständnis des Kremls mitbringen, die amerikanisch-sowjetischen Gespräche über eine Rüstungsbeschränkung schon in naher Zukunft beginnen zu lassen.

Die Angst vor Peking mag für die Russen schon schlimm genug sein. Als ein Alptraum aber muß ihnen die Vorstellung erscheinen, Amerikaner und Chinesen könnten einander näherkommen. Darum will der Kreml den Draht nach Washington so fest wie nur möglich spannen. Gromykos Liebesgrüße aus Moskau waren wohl nur ein Anfang. Hans Gresmann