Die UdSSR will den Fremdenverkehr kräftig ankurbeln. Nachdem die erste Neugier gestillt ist, erwarten die Touristen jetzt freilich mehr als nur Exotik: Einen annehmbaren Service im Flugzeug, im Hotel und in Restaurants. Keine Touristengettos, sondern mehr Kontakt mit der Bevölkerung. Ein geringeres Besichtigungssoll und dafür mehr Amüsement. Und einen vernünftigen Wechselkurs.

Wenn es nach Intourist ginge, würden die westlichen Touristen auf Händen getragen. Die planenden Köpfe der 40jährigen „Allunionsaktiengesellschaft für Fremdenverkehr“ und der 1964 gegründeten Verwaltung für Fremdenverkehr beim Ministerrat der UdSSR werden es am besten wissen, wie schwer sie es haben, gegenüber der täglichen politischen Verteufelung der Bundesrepublik als Kapitalisten, Revanchisten, Imperialisten auf ihrem Gebiet die Kontakte mit Westdeutschland zu verbessern und ihre Pläne dafür in der Sowjetunion durchzusetzen. Ihre jüngste Parole heißt: „Der Tourismus ist eine ernste Sache, sogar das Lächeln ist eine ernste Sache, es will gelernt sein.“

Wladimir Babkin, „Kollegiumsmitglied der Verwaltung für Fremdenverkehr beim Ministerrat“, mach te vor einer Gruppe von westdeutschen Reise- und Wirtschaftsjournalisten keinen Hehl daraus, daß die Sowjetunion noch ein junges, unerfahrenes Reiseland ist und daß das Personal in diesem Dienstleistungsgewerbe noch nicht Weltstandard habe, „aus Gründen, die dem Touristen egal sein können“. Die Journalisten waren mit dem Frankfurter IT-Reiseunternehmen „airtours“ nach. Moskau gekommen, um auf einer Rundreise durch den Süden des riesigen Landes die Chancen für Alleinreisende zu prüfen. Sie sind noch nicht sehr groß. Die Möglichkeiten sind für Finanzkräftige nicht attraktiv genug, für die anderen sind sie zu teuer.

Immerhin haben die Russen Untersuchungen angestellt, was die Fremden wollen. Mit dem Informationstourismus begann es. Am Anfang kamen die Besucher, so Babkin, um das „bedeutsamste soziale Experiment der Geschichte“ zu sehen. Jetzt wollen die Touristen nicht mehr isoliert im sowjetischen Glashaus sitzen, sondern mit den Leuten zusammen sein. Und die Fremden wollen sich amüsieren, man kann ihnen nicht länger vorschreiben, was sie sollen.

In Zukunft wird auch der Transittourismus durch die UdSSR größere Bedeutung erhalten. Die kürzesten Flugrouten über Sibirien nach Japan und über Taschkent nach Nepal, Thailand und die anderen Länder Südostasiens sind eröffnet (Aeroflot, Japan Airlines, SAS), Zwischenaufenthalte in der UdSSR sollen möglich werden.

Aber guter Wille allein genügt nicht. Vielleicht sollten die Sowjets nicht nur studieren, wie es die anderen machen (Babkin: „Wir haben von Hilton gelernt. Seine Devise ‚Lache, es kostet nicht mehr‘ gefällt uns“), sie sollten sich international anerkannte Touristikfachleute – zum Beispiel aus der Schweiz – ins Land holen, so wie sie Fiat holten.

Auf die Frage nach dem Touristenrubel gab Babkin die ausweichende Antwort „Das ist Sache der Politiker“, aber er weiß wie die Politiker, daß der offizielle Wechselkurs dieses Weltreiches mit einer weichen Währung von einem Rubel zu 4,40 Mark eine unreelle Umrechnung ist und daß der Schwarze Markt im Lande blüht. Dort zahlt man für einen Rubel ein Drittel des offiziellen Kurses: 1,40 Mark.

EvM