Von Inga Wex

Seit dem 1. Juli liegt er auf dem Tisch der Buchhändler, morgen soll er auf den Schulpulten liegen und übermorgen in den Kinderzimmern – der Sexualkundeatlas, wenn es nach dem Willen der Frau Gesundheitsminister ginge.

Nicht zu überhören und zu übersehen die beteuernden Worte in der Einleitung, es handele sich um Hilfe für Erziehung in Familie und Schule. Niemand verkennt die gute Absicht und die Notwendigkeit, unserer Jugend Leitung und Hilfe zum Verständnis des anderen Geschlechts zu bieten. Verantwortungsvolle Aufklärung bejahen wir und sehen allein in ihr wirksamen Schutz gegen Unheil, das auf Unkenntnis beruht. Eine verantwortungsvolle Aufklärung erleichtert den Übergang in das Erwachsenenalter und die Verbindung zum anderen Geschlecht. Der über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern aufgeklärte Jugendliche weiß die allerorten öffentlich feilgebotenen Sexvorgänge besser einzuordnen und ohne Schaden zu ertragen.

Was aber geschieht hier? Der Sexualkundeatlas breitet in Wort und Bild nur eine Seite der Beziehungen zwischen Mann und Frau aus, nur den Teil, der sich mit den körperlichen Vorgängen der Vereinigung und ihrer Folgen befaßt. In einer naturalistisch kaum überbietbaren Darstellung wird der technische Vorgang der Menscherzeugung offengelegt, ohne Einzelheiten auszusparen. Wie in einer Beschreibung aus unserer technischen Umwelt werden Produktionswerkzeuge gezeigt und beschrieben, die Entstehung des Werkstücks in verschiedenen Phasen gezeigt und auch das Abfallprodukt vorgeführt. Wie in einem Betrieb werden (Unfall-) Verhütungsvorschriften und -wege und die Darstellung entstandener Verletzungen als Verhaltenshilfen angeboten. Wer wagt da noch an Worte wie Liebe und Zuneigung zu denken! Sie ersterben, bevor sie gedacht, geschweige denn empfunden werden.

Den ebenso einseitigen Sexangeboten in Werbung, Filmen und Illustrierten, die Illusion erzeugen, steht hier – auf andere Weise ebenso einseitig und damit schädlich – die kalte und nüchterne, die entseelte und liebeleere Welt des Sexualkundeatlas gegenüber. Einzelne seiner Darstellungen sind darüber hinaus abstoßend und verletzend. Haben die Erwachsenen, die da am Werke waren, versucht, sich in die Empfindungswelt der Kinder zu versetzen, denen sie Hilfen anbieten wollen? Haben sie die Ganzheit des Verhaltens der Menschen zueinander im im Auge gehabt, als sie zu Werke gingen?

Welche groben und harten Mittel gaben sie den Erziehern – ob Eltern oder Lehrern – in die Hand, die zu der Auffassung verleitet werden, dieses Werk, als Sexualkundeatlas vorgestellt, böte wirklich die Hilfen für die notwendige sexuelle Erziehung, von kundiger Hand vorbereitet.

Wir warnen aber vor der Einführung dieses Sexualkundeatlas in der vorliegenden Form. Wir fordern eine Überprüfung durch Ärzte, die gleichzeitig Psychotherapeuten sind, Psychologen und Pädagogen, die auf diesem Gebiet Erfahrungen haben. Wir müssen nämlich vermuten, daß sie nicht in ausreichendem Maß vor der Herstellung dieses Atlas zu Rate gezogen worden sind. Wie wäre es sonst möglich, daß die Kenntnisse der neuen psychologischen, medizinischen und pädagogischen Wissenschaft in einem solchen Maße unberücksichtigt geblieben sind?