ZDF, Freitag, 11. Juli:

„Auswanderer in New York“

Sie hießen Hans und Grete und Liesel und Fritz und trugen amerikanische Brillen mit goldenen Rändern. Sie waren Angehörige des Badischen Damen-Vergnügungsvereins und sangen, die siebzigjährigen Damen mit Topfhut und Kirschenmündchen, sie sangen Der Mai ist gekommen. Sie plattelten mit ihren Schuhen, ließen die Finger, die so geschickt die glitschigen Wurstdärme abzubinden verstanden, ließen sie auf die Krachledernen klatschen und tranken Bier und brüllten das Lied von dem Kaiser, der in den Sack gehaun hat, und waren bereit, hätte nicht der Ozean dazwischen gelegen, to Foot na Kölle zu gehn, und vergaßen bei alledem diejenigen nicht, die sie, die kleinen Handwerksmeister aus Deutschland, nach ihrer Ansicht eben nur kleine Handwerksmeister sein ließen: die Juden.

Helmut Greulich war durch New Yorks sechsundachtzigste Straße gepilgert, hatte sich im Café Hindenburg und im Bavarian Inn unter den alt gewordenen Töchtern vom Rhein, den Steuben-Veteranen und den Rumpelstilzchen aus Chemnitz und Ravensburg umgesehen ... und siehe, der Alptraum, den Wolfgang Koeppen in seinem Amerika-Buch (Seite 60 bis 62, man lese es nach) mit Faszination und Entsetzen beschrieb ... dieser Butzenscheibenspuk made in Rothenburg and Rüdesheim hatte nichts von seinem Schrecken verloren, Bismarcks und Barbarossas Geister, Loreley und Trompeter von Säckingen waren noch immer dabei... und was die Thekensänger angeht, zuzutrauen war’s ihnen schon, daß sie (wie Koeppen gesagt hat) Herrn Herberger lieber heute als morgen zum Bundespräsidenten ihrer alten Heimat ausrufen würden.

Sah man je deutlicher als in dieser Sendung über amerikanische Auswanderer und ihre Träume – sah man je deutlicher, wie leicht Sentimentalität sich in Terror, Gemütlichkeit sich in Schrecken verwandelt? Wie selbstverständlich ging da das Lied vom wunderschönen deutschen Rhein in den antisemitischen Haßgesang über, wie akkurat paßte die Schmährede gegen die Studenten zu Karneval und Heidelberger Faß! Wie makellos aber auch fügt sich das Treiben der Gespenster aus Deutschland, dieser armen Hunde und ewig Frustrierten, ins Sektenwesen der Amerikaner ein: Flucht aus der Gegenwart allüberall, Richter Lynch ißt Sauerkraut, in Richmond wird freie Reichsstadt gespielt, und God’s own country reicht vom Neckar bis zum Ohio. Ob Blutritt oder Ku-Klux-Klan: Was Ungleichzeitigkeit bedeutet, wie es aussieht, dieses von Ernst Bloch beschriebene Phänomen, das wurde im Film von Helmut Greulich beispielhaft vorexerziert.

Nun, es gibt auch noch andere Deutsche in New York, und auch sie bewahren das Erbe der Väter, ein Erbe, zu dem freilich auch Hitler und Auschwitz gehören. Sie kamen nicht ins Bild ... und waren doch dabei, wenn Bruder Innerlich und Schwester Seelengrund ihre schönen schrecklichen Lieder anstimmten. Momos