kostenloser Nahverkehr kostet zwei Milliarden Mark

Von Rainer Brinkschulte

Morgens um sieben ist die Welt in unseren Großstädten durchaus nicht in Ordnung. Lange Autoschlagen schieben sich durch die City. Verlängerte Fahrzeiten sind die Folge. Und kommt es während des Berufsverkehrs an einem der Engpässe zu einem größeren Unfall, dann wird der Satz des Heraklit, wonach „alles fließt“, zu einem schönen Wunschtraum.

Dieses Spiel zwischen zähflüssigem und stockendem Verkehr wiederholt sich jeden Tag gegen sieben Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags, und die Verluste sind hoch: Verspätungen am Arbeitsplatz, verlorene Geschäftszeit, höherer Treibstoffverbrauch, Blechschäden und immer wieder Ärger.

Die Protestanten von Hannover haben nun einen einfachen und deshalb zugkräftigen Lösungsvorschlag in die Diskussion gebracht: Straßenbahnen und Omnibusse sollen umsonst benutzt werden können.

Die Allianz, die diesen Vorschlag vertritt, ist recht seltsam zusammengesetzt. Auf der einen Seite sind es Vertreter der APO, die diese Forderung mit sozialpolitischen und zum Teil auch klassenkämpferischen Argumenten begründen, auf der anderen Seite sind es Professoren, die sich aus verkehrspolitischen Gründen mit dieser Idee befreunden.

Für die APO sind die öffentlichen Verkehrsmittel ein geeigneter Hebel, Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Zuständen wirkungsvoll zu demonstrieren. Die Demonstranten haben eines erkannt: Dieser Gesellschaft werden ständig von allen möglichen Gruppen materielle Ansprüche präsentiert. So geben sie denn gesellschaftspolitische Forderungen als materielle aus – im konkreten Fall: Fahrpreise –, um sie besser zur Geltung zu bringen.