Sie saß daheim und wartete auf Nachricht von ihrem Geliebten, der seit einigen Wochen in Haft war. Aus dem Gefängnis hatte er ihr geschrieben: „Sie werden mein letzter Gedanke sein ... Ach, teures Herz! Warum kann ich nicht allein mit Ihnen in irgendeiner Wüste sein!... Ich küsse Sie tausend, tausend Male. Leben Sie wohl, teures Herz!“

Sie wußte, daß er an diesem Tag in die Hauptstadt gebracht wurde, wo ihm der Prozeß gemacht werden sollte. Es war ein milder Spätsommerabend, und sie hatte die Fenster weit geöffnet. Da hörte sie rasch näherkommendes Grölen, Schreien, Singen. Eine wüste Menge war in ihren Park eingedrungen, stand jetzt schon vor den Fenstern. Etwas wurde zu ihr in den Raum geworfen, rollte über den Parkettboden auf sie zu, blieg dann liegen. Voller Entsetzen erkannte sie, daß es ein menschlicher Kopf war. Es war der Kopf ihres Geliebten. Einige Stunden zuvor war ihr Freund auf dem Transport in die Hauptstadt erschlagen und grausam verstümmelt worden. Ohnmächtig sank sie zusammen.

Tage später schrieb sie in einem Brief: „Das fürchterliche Verbrechen ist nun vollzogen worden, und ich werde in ewiger Trauer leben. Dem Entsetzlichen und den Greueltaten, die mich umgeben, zum Trotz bin ich gesund geblieben. Denn man stirbt nicht an Kummer...“

Die Fünfzigjährige, die das Leben so sehr liebte, scheint überhaupt noch nicht ans Sterben gedacht zu haben, obwohl in dieser Zeit so viele ihrer alten Freunde und Bekannten, aber auch ihrer ehemaligen Gegner das Leben lassen mußten. Seit Jahren bemühte sie sich hartnäckig um die Wiedergewinnung ihrer millionenschweren Juwelen, die ihr eines Nachts gestohlen worden und dann im Ausland wieder aufgetaucht und dort beschlagnahmt worden waren. Schon dreimal hatte sie in jenes Land reisen müssen, um den Schmuck zu identifizieren und ihre Eigentumsrechte nachzuweisen. Jetzt, einen knappen Monat nach dem Tode ihres Geliebten, reiste sie ein viertes Mal.

Und wieder erregte ihr Aufenthalt im Ausland Aufsehen. Zwar lebte sie seit fast zwei Jahrzehnten in stiller Zurückgezogenheit, aber man hatte nicht vergessen, daß sie in jungen Jahren eine glänzende und mächtige Rolle gespielt hatte. Noch immer gab es viele Neugierige, die diese Frau sehen wollten, die jahrelang im Mittelpunkt von Intrigen, Klatsch, Neid und Verleumdungen gestanden hatte und von deren Schönheit so oft geschwärmt worden war.

„Obwohl die erste Blüte und Frische ihres Liebreizes längst vergangen waren, war noch immer genug davon übriggeblieben, daß man sich vorstellen konnte, wie berückend sie einst gewesen war“, schrieb jetzt ein Beobachter. „Sie hatte blaue Augen mit einem Ausdruck von größter Lieblichkeit, und ihr Haar war kastanienfarben. Sie hatte eine elegante, ja edle Gestalt und bewegte sich, trotz einer gewissen Neigung zur Fülle, mit Geschmeidigkeit und Grazie... Sie hatte in keiner Weise etwas Gewöhnliches an sich, geschweige denn etwas Gemeines.“

Es war nicht allein ihre Schönheit, die sie einen so glänzenden, von vielen beneideten Weg machen ließ. Hinzu kamen ihr Charme und die Fähigkeit, niemals Langeweile aufkommen zu lassen. Langeweile wurde zu ihrer Zeit mehr gefürchtet als der Tod. Hinzu kam aber noch etwas anderes, das auf solchem Wege eigentlich eher hinderlich sein dürfte, ihr indessen wirklich gegeben schien, denn auch viele ihrer Gegner haben es eingestanden: ihre Herzensgüte, ihre ständige Hilfsbereitschaft, ihr – wie einige sagten – völliger Mangel an Bosheit.