Von Hans Rothfels

Ein Vierteljahrhundert trennt uns heute von den Ereignissen, die in einem einzelnen Datum sich zu einer Art Symbol verdichtet haben, und deren Bedeutung trotz schwersten äußeren Mißerfolgs dem Miterlebenden wie dem zeitgenössischen Beobachter kaum zweifelkaft sein konnten. Nur daß das Urteil aus begreiflichen Gründen sich in sehr verschiedenen Richtungen auseinanderzulegen tendierte.

Die vieljährige Vorgeschichte des 20. Juli war teils durch absichtsvolle – wenn auch keineswegs vollständige – Tarnung der Beteiligten, teils infolge der ebenso absichtsvollen Mißdeutung durch Außenstehende weitgehend verhüllt geblieben. Erst recht legte sich dann auf das offenkundige Ereignis eines Attentats und des versuchten, umfassend geplanten Staatsstreichs der Nebel der Propaganda. Sie ging von Seiten des Regimes dahin, die Erhebung sei das Werk einer kleinen Clique gewissenloser Offiziere wie auch degenerierter Aristokraten gewesen. Es dürfte ebenso bekannt sein, daß die westlichen Feindmächte sich diese Auffassung zu eigen machten und zum Teil noch überboten.

Immerhin, die Tatsache des 20. Juli war nicht wegzuwischen, sie wirkte wie ein Scheinwerfer, der weite Strecken in der Geschichte des Dritten Reichs zu beleuchten begann; an ihr zerbröckelte die These vom monolithischen Charakter des Hitlerreichs nebst den Begleit-Thesen von der restlosen Obrigkeitsgläubigkeit und Unterwürfigkeit des deutschen Volkes. Es zerbröckelte allmählich auch die Goebbels-These von der Identität von Deutschtum und Nationalsozialismus – jene Identifizierung, an der das westliche Ausland um der eigenen moralischen Front willen so zäh festgehalten hat, bis zum Ende hin und über das Ende hinaus.

Moralische Rehabilitierung

Wenn hier einiges vorweg in Würdigung des 20. Juli und seines Ergebnisses betont werden darf, so ist es die Tatsache, daß in der Nachwirkung des Ereignisses – wenn auch nur langsam – die Existenz eines „anderen Deutschland“ zu internationaler Anerkennung kam. In der Tat haben wohl das Handeln und Sterben der Männer des 20. Juli mehr dazu beigetragen, die „Ehre des Landes“ wiederherzustellen, als andere Wiedergutmachungen der Bundesrepublik oder ihre Erfolge auf anderen Gebieten. Dem Vansittartschen und Morgenthauischen Bild des „Ewigen Deutschen“ konnte ein anderes entgegengestellt werden, wirklich im „Ewigen“ verwurzelt und im Martyrium bezeugt.

Die Abbröckelung der Identitäts-These begann schon in den ersten drei Jahren nach Kriegsende. Aber vieles stand noch im Wege. Schlabrendorffs Buch „Offiziere gegen Hitler“, das 1946 in der Schweiz erschien und von einem anderen, nur durch Versagen der Zündung vereitelten Attentat des Jahres 1943 wie von vielen Akten der Verschwörung authentisch berichtete, durfte unter dem Besatzungsregime in Deutschland nicht verbreitet werden. Das gleiche galt von dem Buch von Pechel „Deutscher Widerstand“, das 1947 ebenfalls in der Schweiz veröffentlicht wurde.