Von Wolf Donner

Natürlich sind Hitparaden der beliebtesten Fernsehsendungen barer Unfug: Sie kommen zustande, indem statistische Angaben über die deutschen Fernsehzuschauer falsch und entstellend gelesen werden. Mit einseitig ausgewählten, isolierten Zahlen aus Umfrage-Ergebnissen läßt sich alles belegen und widerlegen.

Da nun aber immer wieder Hitparaden veröffentlicht werden, luden die deutschen Fernsehanstalten ARD und ZDF sowie das Münchner Demoskopische Institut Infratest am vergangenen Mittwoch nach Frankfurt ein, zu einer Nachhilfestunde in der "Kunst des Lesens dieser demoskopischen Größen". Und nach einem mehrstündigen Trommelfeuer von Durchschnittswerten, Prozenten, Zahlen und Fakten über das Fernsehpublikum war man überzeugt, daß die Infratest- und Fernsehherren den deutschen Zuschauer besser kennen als der sich selber.

Wie werden diese Daten ermittelt? Auf 825 Fernsehgeräten in der Bundesrepublik steht ein monatlich vom Infratam-Institut ausgewechseltes mechanisches Meßgerät, Tammeter genannt, in dem ein magnetisiertes Band minutengenau registriert, wann das betreffende Gerät ein- und wann es ausgeschaltet oder wann zum anderen Programm übergegangen wird. Bei den Zuschauern sind die Tammeter (in fünf verschiedenen Holzarten, je nach Wahl) sehr beliebt: Sie haben immfer eine ganz präzise Uhr in der Wohnung, und sie bekommen über Jahre hinaus als Gegenleistung ihre Fernsehreparaturen gratis.

Den Fernsehanstalten liefern die Tammeter, da die betreffenden 825 Fernsehhaushalte einen repräsentativen Bevölkerungsdurchschnitt darstellen, statistische Zahlen über die Zuschauerbeteiligung jeder ausgestrahlten Programm-Minute (825 eingeschaltete Geräte wären hundert Prozent Sehbeteiligung).

Die Meinungen der Zuschauer zum Fernsehprogramm zu ermitteln ist Aufgabe des Münchner Infratest-Instituts. Es befragt ebenfalls nach dem Gesetz des repräsentativen Querschnitts täglich etwa 250 Fernsehhaushalte im gesamten Bundesgebiet nach dem Sehverhalten aller Familienmitglieder zu den Sendungen von gestern und vorgestern; so bekommt man für alle Sendungen eine Basis von 500 Beurteilungen (täglich 250 Befragte zum Programm zweier Tage). Die Zuschauer ordnen ihre Note zu jeder Sendung in eine vorgegebene Rangskala ein (ausgezeichnet – gut – zufriedenstellend – mäßig – sehr schlecht) und begründen ihr Urteil kurz. Mit Hilfe dieser Aussagen errechnet das Institut dann den berüchtigten Urteils-Index, von + 10 über 0 bis –10. Ein Index von + 10 würde demnach bedeuten, daß 500 Fernsehzuschauer eine Sendung "ausgezeichnet" fanden.

Nun sollte es sich von selbst verstehen, daß diese Zahlen relativ sind, daß man sie sorgfältig interpretieren muß. Schon der strahlende Sonnenschein an einem Wochenende kann sich verheerend auf den Zuschauerprozentsatz einer sonst durchaus populären Sendung auswirken. Das "Programm-Umfeld" ist von entscheidender Bedeutung: Wie ist die betreffende Sendung plaziert, welche attraktiven oder langweiligen Sendungen lagen unmittelbar davor oder danach, was gab es zur gleichen Zeit im Gegenprogramm und in den (von Infratam und Infratest nicht erfaßten) Dritten Programmen?