Von Dieter Wellershoff

Das ist zu privat. Wer sprach da? Es war kein Entrüsteter, sondern eine ruhige, kultivierte Stimme. So wohlwollend und unbeirrbar hören sich heute die Instanzen an. Vielleicht wissen sie nicht einmal, daß sie Instanzen sind und was sie vertreten. Sie geben es einfach weiter: zu privat. Das ist, wörtlich oder sinngemäß, eine geläufige Verdiktsformel des Literaturgesprächs.

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Ich frage mich, was nicht privat ist. Die letzten Monarchen sind nur noch durch ihr Privatleben öffentlich interessant. Die Religion ist, seit jeder nach seiner Façon selig werden darf, zur Privatsache erklärt. Am meisten überzeugen mich noch die Verkehrsregeln davon, daß sie nicht privat sind. Und die Politik, insofern ihre Auswirkungen jeden betreffen können, ist bekanntlich nicht privat. Aber die Auswirkungen? Ihre intimen Reflexe? Sagen wir, die Folgen der Wohnungsbaupolitik, des Städtebaus, der Eigentumsordnung, der Markt- und Konkurrenzgesellschaft, des Bildungswesens, der Familienstruktur – die sind privat.

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Beispiele für Privates: Jemand schwitzt an den Händen, jemand stottert, jemand leidet an Schlaflosigkeit, jemand kann sich nicht konzentrieren, jemand hat Migräne, jemand entwickelt ein Magengeschwür, jemand einen Herzinfarkt, jemand rast mit dem Auto, jemand ist prüde, jemand hat nur Sex im Kopf, jemand prügelt sein Kind, jemand will, daß sein Kind es besser macht, jemand weiß nicht, was mit ihm los ist.

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