Aus der sorgfältigen Analyse der Vorgänge in den Wehrkreiskommandos ergibt sich, daß die Berliner Anordnungen gleichzeitig mit oder nur wenig vor den Gegenbefehlen aus dem Führerhauptquartier eintrafen. Mit Ausnahme der wenigen Offiziere, die in die Verschwörung eingeweiht waren, reagierten die verantwortlichen Kommandeure unsicher und abwartend. Staufenbergs Überzeugung, daß der Befehlsmechanismus, einmal ausgelöst, die Gesamtheit des Ersatzheeres hinter die Verschwörer bringen werde, erwies sich als falsch; die moralische Einheit des Offizierskorps bestand nicht mehr; die Erziehung zur unpolitischen Armee zog notwendig die Untätigkeit in dieser Situation grundsätzlicher Entscheidung nach sich, wenn man von den erfolgreichen Aktionen in Prag, Wien und Paris absieht. Hoffmann vermeidet eine abschließende Stellungnahme zu den verwirrenden Vorgängen des Attentatstages, aber es wird klar, daß unter den beiden entscheidenden, unvorhersehbaren Bedingungen – dem Überleben Hitlers und dem Verlust des Handlungsvorsprungs für die Verschwörer – der Staatsstreich zum Scheitern verurteilt war.

Überhaupt nimmt die Beschreibung der Staatsstreichvorbereitung und Attentatspläne seit dem Herbst 1938 den breitesten Raum in Hoffmanns Buch ein. Er hebt die Chance eines erfolgreichen Umsturzes unmittelbar vor dem Münchner Abkommen stark hervor und verschweigt auch die Lähmung nicht, die Chamberlains Zurückweichen vor Hitler für die Opposition zur Folge hatte. Seine Darstellung der außenpolitischen Kontaktversuche bringt den Faktor zu wenig zum Ausdruck, der darin liegt, daß die Opposition angesichts der vorübergehenden militärischen Erfolge ihre außenpolitischen Ziele zu weit steckte. Hierbei macht sich die Absicht Hoffmanns eher negativ bemerkbar, vor allem "die Taten", nicht so sehr die Motive des Widerstands darzulegen. In der Tat kann und will er an den letzteren, nicht vorbeigehen, doch gerät seine Analyse in dieser Hinsicht in ein vergleichsweise traditionelles Fahrwasser, auch wenn der Verfasser nüchtern und kritisch genug ist, in seiner dann doch zu knapp gehaltenen Darstellung der innenpolitischen und außenpolitischen Ziele der Verschwörer auf deren Zeitgebundenheit und – wie bei den Staatsstreichplänen von Popitz – auf deren grundsätzliche Problematik hinzuweisen.

Die Anlage des Buches, das zunächst einen Überblick über die innenpolitische Lage 1933, dann über die unterschiedlichen oppositionellen Strömungen, darunter den kirchlichen, den sozialdemokratischen und den kommunistischen Widerstand sowie die übrigen, nicht unmittelbar in Verbindung mit dem 20. Juli stehenden regimefeindlichen Gruppen gibt und sich dann ausschließlich mit der Opposition des 20. Juli im engeren Sinn befaßt, erweckt den Eindruck, als werde die Gesamtheit der Widerstandsbewegung im wesentlichen mit der letzteren, überwiegend konservativ orientierten Richtung identifiziert, was auch im Untertitel des Buches zum Ausdruck kommt. Die Bemerkung im Vorwort, daß "nur wenige hochgestellte Funktionäre" in einer totalitär verfaßten Gesellschaft "zweifelsfrei" beurteilen könnten, "ob und wann ein geleisteter Eid" sinnlos wäre, erleichtert ein solches Mißverständnis.

In mancher Hinsicht führt das Bestreben des Autors, abwägend zu urteilen, unversehens zu einer apologetisch anmutenden Diktion, so wenig er die grundsätzliche Berechtigung der Verschwörer, zum Mittel des Eidbruchs und Hochverrats zu greifen, in Zweifel stellt. Seine Verteidigung Osters, der die neutralen Niederlande vor dem deutschen Angriff mehrfach warnte und für sich bewußt den möglichen Vorwurf hinnahm, Landesverrat geübt zu haben, nimmt viel zu sehr Rücksicht auf diejenigen, die immer noch glauben, mit den überlebten Kategorien nationalstaatlichen Denkens Waffen gegen Männer schmieden zu können, die alles taten, um einen Krieg oder zumindest dessen Ausweitung zu verhindern, der zu einer europäischen Katastrophe führen, mußte. Wie widersinnig es ist, dem Handeln eines zutiefst nationalbewußten Offiziers mangelnde nationale Loyalität zu unterstellen, liegt auf der Hand.

Nach allem, was wir heute über die Politik des Nationalsozialismus wissen, bedarf es keiner besonderen Rechtfertigung für den Entschluß, sich dem Verhängnis zu widersetzen, das verbrecherische System rückhaltlos zu bekämpfen und einen nationalsozialistischen Waffensieg aus politischen und ethischen Erwägungen heraus abzulehnen. Von dieser Voraussetzung aus gewinnt eine kritische Beurteilung der technischen und militärischen Chancen eines Staatsstreichs sowohl wie der politischen Vorstellungen des Widerstands erst ihren Sinn. Das politische Denken der Widerstandsbewegung – nicht nur der deutschen – war notwendig von den spezifischen Erfahrungen der Epoche des Faschismus geprägt. Das gilt auch für die durchgängige Überzeugung, daß das demokratisch-parlamentarische System der zwanziger Jahre allgemein überlebt sei und durch neue politische Formen ersetzt werden müsse. Hoffmann bemerkt dazu, daß die politische Praxis nach dem Umsturz in jedem Falle anders ausgesehen hätte als die theoretischen Zukunftspläne des Widerstands. Jedoch ist es für das Verständnis der konspirativen Tätigkeit unerläßlich, auch den Prozeß zu begreifen, der die Opposition des 20. Juli von anfänglich vertretenen autoritären Modellen zur Konzeption einer elitären, berufsständisch eingefärbten Demokratie führte, die auf der Grundlage einer breiten "Volksbewegung" verwirklicht werden sollte, nicht mehr nur durch die Vermittlung der zur Führung berufenen Honoratiorenschicht.

Hoffmann neigt dazu, die gegensätzlichen Auffassungen, die im Zuge dieser politischen Profilierung des Widerstandes hervortraten, abzuschwächen. Etwa bei. der Beurteilung Generaloberst Becks oder, der ursprünglichen Haltung Goerdelers kommt zugewissenVerzeichnungen, die bei einem Rückgriff auf die Quellen vermeidbar gewesen wären. Denn Hoffmann stützt sich in dieser Hinsicht überwiegend auf die bisherige Literatur, obwohl darin die verfügbaren Nachlässe und Dokumente nur begrenzt ausgeschöpft worden sind. Manches davon muß noch erschlossen werden, wie die unveröffentlichten Teile des Hassell-Tagebuchs, und auch die von Gerit van Roon benützten und teilweise veröffentlichten Dokumente bedürfen noch eingehenderer Analysen.

Für die vielen offenen Fragen, die die inneren Auseinandersetzungen seit dem Spätsommer 1943, den Einfluß der Propaganda des "Nationalkomitees Freies Deutschland", die umstrittene Frage der Ostorientierung, betreffen, bringt Hoffmann kaum etwas Neues, obwohl etwa der Versuch Lebers, Kontakte zu "deutschen" Kommunisten aufzunehmen, von denen man hoffte, daß sie nicht moskauhörig seien, nur von hier aus voll verständlich wird. Der von den Kreisauern angestrebte, besonders von Trott zu Solz und Alfred Delp vertretene "dritte Weg" einer Selbstbehauptung auch gegenüber dem kapitalistischen System des Westens, bei grundsätzlicher Ablehnung des Bolschewismus, macht deutlich, daß die Haltung der Verschwörer nicht in die späteren politischen Konstellationen einzufügen ist.