Während Amerikas Mond-Triumph, glorreicher Auftakt für die siebziger Jahre, alle Welt in Atem hielt, brachen für einen amerikanischen Politiker, der im nächsten Jahrzehnt Präsident werden wollte, die dunkelsten Stunden seines Lebens an. Es müßte ein Wunder des Vergessens geschehen, sollte Senator Edward Kennedy, letzter männlicher Sproß des gewiß bedeutendsten Familien-Clans in der Geschichte der Demokratie, die Chance bekommen, in das Weiße Haus einzuziehen.

Unklar ist, was in jener Nacht vom Freitag zum Sonnabend wirklich geschah. Die Fakten sind dürftig. Nach einer Party auf der abgelegenen Insel Chappaquiddick in Massachusetts fuhr der Senator eine ehemalige Sekretärin seines ermordeten Bruders Robert zur Fähre. Er kam vom Weg ab, geriet auf eine geländerlose Brücke, der Wagen stürzte ins Wasser. Das Mädchen ertrank.

Erst acht Stunden nach dem Unfall, für den es keine Zeugen gibt, erstattete Ted Kennedy Meldung bei der Polizei. Er habe, nachdem er mehrere Male vergeblich getaucht sei, einen Schock erlitten. Das wird ihm niemand widerlegen können – ebensowenig wie der Verdacht auf „Trunkenheit am Steuer“ sich im Nachhinein zum Beweis verdichten ließe. Anfang der Woche wird ein Provinzrichter darüber entscheiden, ob der Senator wegen Fahrerflucht angeklagt wird.

Aber das ist nur noch das juristische Nachspiel zu einer Tragödie, über die der Vorhang, so scheint es, schon gefallen ist.

Mike Mansfield, der demokratische Mehrheitsführer im Senat hat einen noblen Satz formuliert: „Auch ein Politiker ist ein Mensch – dasselbe hätte schließlich jedem anderen passieren können.“ Das ist vollkommen richtig – und doch zugleich grundfalsch.

Was jedem hätte passieren können, darf jenem nicht passieren, der sich aus der demokratischen Gleichheit zum elitären Amt hinaufschwingen möchte. Die Bürger verzeihen ihren gewählten Führern vieles, nur nicht die menschliche Schwäche.

Sollte Edward Kennedy, im Vertrauen auf die Gnade des Vergessens, eines Tages doch noch den Kampf um jenes höchste Amt aufnehmen wollen, für das der Vater seine vier Söhne mit Ehrgeiz und Hingabe präparierte, dann wird er gewiß auf einen Gegner treffen, der die Erinnerungen an eine dunkle Nacht zu wecken weiß. Schließlich brauchte er nur eine einzige Frage zu stellen: „Darf ein Präsident, der notfalls in wenigen Minuten über Tod und Leben von Millionen zu entscheiden hat, einen Schock erleiden?“